Geld bekommt (endlich) wieder einen Preis

Geld bekommt (endlich) wieder einen Preis 

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Warum denken die allermeisten Menschen dermassen kategorisch in Kalenderjahren? Aus astronomischer Sicht ist ein Jahr lediglich der Zeitraum, den die Erde für die Umrundung der Sonne benötigt. Und auch die Finanzmärkte richten sich mit Ausnahme von flüchtigen saisonalen Effekten nicht nach einem Kalender.

Autor: Alex Borer, Co-Head Multi-Asset Solutions LGT Capital Partners

Dennoch, die Macht der Gewohnheit ist stark, weshalb hier ein kurzer Kommentar zum vergangenen Jahr erlaubt sei. Es war ein schwieriges, weil bewegtes Jahr, und die Trends haben ihre Robustheit der letzten Jahre verloren. Kaum eine Anlageklasse entwickelte sich besser als die verschmähte Liquidität. Anleihen-, Kredit-, Aktien-, Immobilien- und Rohstoffmärkte verloren allesamt an Wert, selbst Gold ist gefallen. Investoren ausserhalb des US-Dollar-Raumes haben zudem mit hohen Zinskosten für die Absicherung von Währungsrisiken zu kämpfen. Dieser toxische Mix ist aussergewöhnlich und war so letztmals Mitte der Achtzigerjahre zu beobachten. Der vor Jahresfrist an dieser Stelle etwas altklug dahergekommene Rat „der selektiven Diversifikation“ hat nicht viel Schutz bieten können. Immerhin das Postulat, „alle Anlagen einer rigorosen Qualitätskontrolle zu unterziehen“, hat Schlimmeres verhindert.

Niedrig- und Negativzinsen werden zur „permanenten Medikation“

Die Entwicklung der Finanzmärkte lässt sich niemals mit eindeutig zuweisbaren Fakten erklären. Handelskrieg, Wachstumsabschwächung, geopolitische Spannungen oder ein Brexit können Märkte beeinflussen, sie stellen aber niemals die ganze Wahrheit dar. Zum einen, weil Preise durch die Handlungen von emotionalen Menschen gemacht werden, zum anderen, weil nicht Realitäten, sondern Erwartungen gehandelt werden. Die Fundamentaldaten haben sich für viele Anlageklassen tatsächlich eingetrübt. Aus meiner persönlichen Optik ist aber eine andere Entwicklung entscheidender: Während zehn Jahren haben die wesentlichen Zentralbanken die Märkte mit Niedrig- oder gar Negativzinsen geflutet.

Was einst als wirksame Notfallmassnahme gedacht war, hat sich in den Köpfen der Anleger längst als permanente Medikation festgesetzt.

Anleihenkaufprogramme und andere unorthodoxe Instrumente von Zentralbanken sind aber nicht für die Ewigkeit gedacht. Negative Realrenditen für gesamte Bondmärkte werden Investoren nicht immerfort akzeptieren. Die Abkehr von der expansiven Geldpolitik ist keine Kriegserklärung an die Märkte, sondern stellt die Rückkehr zur fast vergessenen Normalität dar. Anders ausgedrückt, Geld bekommt (endlich) wieder einen Preis, in Form eines positiven risikolosen Zinses, wenn auch vorerst nur in den USA. Das ist zu begrüssen, weil dadurch Fehlanreize mit langfristig viel schädlicheren Folgen verhindert werden. Es hat aber auch Nebeneffekte. Der risikolose Zins ist ein zentraler Inputfaktor für die Bewertung der meisten Anlageklassen, beispielsweise Aktien. Steigt er, fallen die diskontierten zukünftigen Gewinne. Die Preise suchen ein neues Gleichgewicht.

Zurück zur Normalität

Was lässt sich daraus folgern? Erstens, die Rückkehr zur geldpolitischen Normalität sorgt zwangsläufig für Unruhe und Schwankungen an den Märkten. Investoren sollten nicht darauf vertrauen, dass Zentralbanken jedwelche Schwächezeichen konjunktureller oder markttechnischer Natur sofort verbal oder durch handfeste Massnahmen wegmassieren. Seit der Finanzkrise vor zehn Jahren war zwar viel von hohen Volatilitäten zu lesen, effektiv gab es aber nur wenige und kurze Phasen mit starken Ausschlägen. Vielmehr wurde die Anlegerpsyche durch die Angst belastet, unterinvestiert zu sein und nicht am Aufschwung zu partizipieren. Man muss sich wieder an Schwankungen gewöhnen, nicht jede Korrektur endet aber in einer ausgewachsenen Krise wie 2000/2002 oder 2008/2009. Zweitens muss jeder Anleger für sich persönlich klären, wieviel Sportlichkeit in Form von Risiko er sich zumuten will – dies bestimmt die auf Langfristigkeit ausgerichtete private Strategie. Drittens soll dort investiert werden, wo das Risiko angemessen entschädigt wird. Aus unserer Sicht zählen mit dem notwendigen Durchhaltewillen Qualitätsaktien, Schwellenländer- und versicherungsbasierte Anleihen sowie Privatmarktanlagen dazu.

Investorama – Trends und Entwicklungen an den Finanzmärkten
In der vierteljährlichen Publikation Investorama analysieren wir Trends und Entwicklungen an den Finanzmärkten, um unsere Kunden bei ihren Anlageentscheidungen optimal zu unterstützen. Ausgabe 1/2019
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