20 Jahre Tiefzinspolitik in Japan – Fluch oder Segen?

20 Jahre Tiefzinspolitik in Japan – Fluch oder Segen? 

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Die Tiefzinspolitik prägt Japan seit zwei Jahrzehnten. Trotz wirtschaftlicher Erfolge können diese geldpolitischen Eingriffe längerfristig zu Ungleichheit und Ineffizienz führen.

Vor 20 Jahren senkte die japanische Zentralbank die Zinssätze auf null Prozent und läutete damit die Nullzinspolitik ein, welche in Folge der Finanzkrise auch in den USA und Europa Anklang fand. Im März 2001 wurden in Japan weitere Massnahmen zur quantitativen Lockerung erlassen und 15 Jahre später eine Negativzinspolitik verabschiedet. Bis heute verfolgt die Bank of Japan diese Zinspolitik und kauft gleichzeitig Anleihen, Aktien und Immobilienfonds in Milliardenhöhe.

Gesamtvermögen Bank of Japan:

Marktintervention, Gesamtverögen BoJ
Quelle: FRED – St. Louis Fed

Doping für die Wirtschaft

Die Idee solcher Marktinterventionen war vor 20 Jahren schon nichts Neues, war einer der bekanntesten Verfechter doch der britische Ökonom John Maynard Keynes. Er vertrat die Meinung, dass es in einer freien Marktwirtschaft zu ineffizienten makroökonomischen Ergebnissen in Form von Wirtschaftsrezessionen oder Inflation kommen kann. Diese Probleme könnten durch wirtschaftliche Massnahmen – insbesondere durch geldpolitische Eingriffe der Zentralbank und fiskalpolitische Eingriffe der Regierung – gemildert werden. Und tatsächlich: Die massiven geld- und fiskalpolitischen Massnahmen in verschiedenen Teilen der Welt scheinen erfolgreich zu sein. Ein Indiz dafür ist die rekordtiefe Arbeitslosigkeit in Japan oder den USA. Zudem trugen die tief gehaltenen kurzfristigen Zinssätze zu einer schnellen Re-Kapitalisierung des Bankensystems nach der Finanzkrise bei; die erhöhte Nettozinsspanne steigerte die Gewinne und damit das Kapital.

Arbeitslosenquote Japan (15-64 Jahre):

Marktintervention, Arbeitslosenquote Japan
Quelle: FRED – St. Louis Fed

Der Schuldenberg wächst

Doch die wirtschaftlichen Eingriffe haben auch eine Schattenseite. Sie schaffen falsche Anreize und fördern Ungleichgewichte. So können die tief gehaltenen Zinssätze zu einer erhöhten Risikobereitschaft, hohem Konsum und steigender Verschuldung führen. Die Bank für Internationalen Zahlungsaustausch zeigt, dass die weltweite Verschuldung von Regierungen, Haushalten und Unternehmen in den letzten Jahren auf ein Rekordhoch anstiegen. Schuldenweltmeister ist Japan mit einer Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandprodukt (BIP) von 236%.

Staatsverschuldung in % des BIP:

Marktintervention, Staatsverschulden
Quelle: Bloomberg

Keynes in der Kritik

Aufgrund dieser negativen Entwicklungen wurden und werden auch heute noch Marktinterventionen und Theorien wie der Keynesianismus kritisiert:

Der Markt heilt sich selbst: Der wohl bekannteste Kritiker von Keynes war der österreichische Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich Hayek. Er war ein Vertreter des klassischen Liberalismus, ein Verfechter des freien Markts und ein scharfer Kritiker des Sozialismus sowie jeder Form von staatlichen Interventionen. Hayek war der Auffassung, dass sich Märkte selbst von Schocks erholen und politische Bemühungen der Regierungen und Zentralbanken eher zu Instabilität führen würden. Die Debatte zwischen diesen zwei Ökonomen des 20. Jahrhunderts scheint aktueller denn je und wurde gar in einem pointierten „Rap-Battle“ abgehandelt.

Die schöpferische Zerstörung: Aber auch andere bedeutenden Ökonomen würden den massiven japanischen Marktinterventionen der letzten 20 Jahre sehr kritisch gegenüberstehen. Einer davon wäre der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter. Gemäss ihm werden Wohlstand und Wachstum geschaffen, wenn das Kapital von schwachen zu starken Marktteilnehmern fliesst. Da das Kapital in einer Nullzinspolitik aber keine Kosten verursacht, funktioniert das nicht. Ineffiziente Firmen können dank günstigen Kapitalspritzen überleben und es findet keine Neuzuteilung knapper Ressourcen statt. Der Schlüssel zum gesellschaftlichen Fortschritt – wie Schumpeter ihn definiert – liegt in einer möglichst effizienten Ressourcenzuteilung und in der Bereitschaft ineffiziente Firmen zugrunde gehen zu lassen. Die Zerstörung ist die notwendige Voraussetzung für eine Neuordnung.

Fehlallokationen durch falsche Preise: Auch der französische Ökonom Jacques Rueff hätte die Marktinterventionen kritisiert. Er war der Überzeugung, dass Marktinterventionen zu falschen Preisen und damit zu Fehlallokationen des Kapitals führen. Die starken Interventionen der globalen Zentralbanken über die letzten Jahre führten tatsächlich zu Preisverzerrungen. So hat die US-Notenbank Fed mit ihren Marktinterventionen die US-Zinssätze oder den Wert des US-Dollars massgeblich beeinflusst. Da der Dollar nach wie vor die globale Reservewährung ist und die Zinssätze starken Einfluss auf Konsum- respektive Sparverhalten haben, kann dies zu enormen Marktverzerrungen führen.

Weniger ist mehr

Es ist verfrüht, das monetäre Experiment Japans nach 20 Jahren abschliessend zu beurteilen. Die japanische Zentralbank hält an ihren Marktinterventionen fest, und das Ende scheint in weiter Ferne. Das Land hat eine rekordtiefe Arbeitslosigkeit und zählt zu den grössten globalen Wirtschaftsmächten. Dieser Erfolg würde Keynes freuen.

Aber dennoch: Ständige geldpolitische- respektive marktwirtschaftliche Eingriffe können zu Ungleichheit und Ineffizienz führen. Weniger Intervention ist vielleicht manchmal mehr oder wie Hayek sagte:

Dass in die Ordnung einer Marktwirtschaft viel mehr Wissen von Tatsachen eingeht, als irgendein einzelner Mensch oder selbst irgendeine Organisation wissen kann, ist der entscheidende Grund, weshalb die Marktwirtschaft mehr leistet als irgendeine andere Wirtschaftsform.

Der Ausgang dieses Experiments bleibt also offen.

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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