Das Eis schmilzt uns unter den Füssen weg

Das Eis schmilzt uns unter den Füssen weg 

Schmelzen die weltweit von Eis bedeckten Erdflächen, geht es um viel mehr als 280 Millionen Menschen, die aufgrund des steigenden Meeresspiegels ihre Heimat verlieren könnten.

Im September 2019 veröffentlichte der Weltklimarat (IPCC) einen „Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima“. Darin wird der aktuelle Kenntnisstand der Wissenschaft zu Ozeanen und der Kryosphäre – der von Eis bedeckten Erdfläche – zusammengefasst. Kurz gesagt kommt der Bericht zu folgendem Schluss: Langfristig werden bis zu 280 Millionen Menschen, die in tiefliegenden Inseln oder Küstenregionen leben, aufgrund des steigenden Meeresspiegels ihre Heimat verlieren. Jährliche Flutschäden werden sich mindestens verhundertfachen und tiefliegende Städte und kleine Inselstaaten werden ab 2050 jährlich von extremen Fluten betroffen sein. Aufgrund der schmelzenden Gletscher werden zudem viele Regionen zuerst mit zu viel und später mit zu wenig Schmelzwasser kämpfen müssen.

Der Bericht zeigt aber auch, dass die Klimaerwärmung nicht nur einen erhöhten Meeresspiegel und die steigende Gefahr von Fluten mit sich bringt. Sie hat auch einen extremen Einfluss auf Hochgebirgs- und Polarregionen, durch die sich der CO2-Ausstoss und die globale Erwärmung noch viel rascher verstärken könnten als allgemein angenommen wird.

Die Rolle von Meer und Kryosphäre

Die Zusammenhänge zwischen Meer, Kryosphäre und globaler Erwärmung sind sehr komplex. Grundsätzlich nehmen die Meere und die Kryosphäre eine wichtige Rolle im Klimasystem ein und zwar durch die Aufnahme und die Umverteilung von natürlichem und anthropogenem – menschlich verursachtem – Kohlendioxid sowie von Wärme. Zudem sind sie wichtige Ökosysteme und eine Nahrungsmittelquelle für den Menschen. 71 Prozent der Erdoberfläche sind von Meeren bedeckt und weitere zehn Prozent noch mit Eis. Aufgrund des Klimawandels schmilzt jedoch die Kryosphäre, und der Meeresspiegel steigt an.

Kryosphäre schmilzt rasend schnell weg

Die Kryosphäre der Erde umfasst Meereis und Schelfeis, Inlandeis und Gebirgsgletscher, Eis in Permafrostböden und Eishöhlen sowie jahreszeitlich bedingte Flächen, die von Schnee oder Eis bedeckt sind. Diese Flächen verkleinerten sich in den vergangenen Jahrzehnten stark. Die Forschung zeigt, dass die Gletscher zwischen 2003 und 2009 weltweit um 18 Prozent stärker zurückgingen als in den Jahren zuvor. Alleine dieser Schwund liess die Meeresspiegel um 2.7 Zentimeter ansteigen.

Zudem wird das arktische Meereis dünner. Seit 1979 ging der flächenmässige Anteil des mehrjährigen Eises (mindestens fünfjährig), um rund 90 Prozent zurück. Dieser Rückgang verstärkt sich mit jeder Fläche, die verloren geht, und wirkt sich extrem auf die Welttemperatur aus, denn das Eis reflektiert aufgrund seines hohen Rückstrahlvermögens einen grossen Teil der von der Sonne ausgehenden Strahlung. Der Verlust von Sommermeereis und Frühjahrsschnee führt deshalb dazu, dass die Temperaturen in der Arktis noch schneller steigen. Forscher gehen davon aus, dass deswegen die Oberflächentemperaturen in den letzten zwei Jahrzehnten um mehr als das Doppelte des Zielwertes gestiegen sind.

Vermehrter CO2- und Methanausstoss

Mit dem Schmelzen grosser Teile der Kryosphäre geht nicht nur ihre reflektierende Wirkung verloren. Durch das Auftauen der Kryosphäre verändern sich zudem die Ökosysteme in Hochgebirgs- und Polarregionen.

Der arktische und boreale Permafrost beinhaltet eine rund doppelt so hohe CO2-Konzentration wie die Erdatmosphäre. Grund dafür sind Mikroorganismen, die das organische Material nach dem Absterben von Pflanzen über einen langen Zeitraum zersetzen und den eingelagerten Kohlenstoff – wenn Sauerstoff vorhanden ist – teilweise als Gas zurück in die Atmosphäre bringen. Herrscht Sauerstoffmangel – wie unter der Eisschicht – setzen Fäulnisprozesse ein, und es entsteht Methan. Tauen diese Böden auf, entweichen die im Boden enthaltenen Gase in die Atmosphäre. So setzen die arktischen Tundraböden allein 25 Prozent des gesamten atmosphärischen Methan-Eintrags aus natürlichen Quellen frei.

Mehr Waldbrände in der Tundra

Die aus aufgetauten Permafrostböden entwichenen Gase bergen eine weitere Gefahr. Sie können sich selbst entzünden und zu Bränden führen. Megabrände mit einer Ausbreitung von über 100 000 Hektar Land sind unter anderem in der russischen Tundra und in Alaska entstanden. Im Juli 2019 brannten im Durchschnitt 270 Feuer am Tag, das ist fünfmal mehr als im Durchschnitt der letzten 15 Jahre. Satelliten erfassten zudem in ihren Aufnahmen einen Brandherd, der die Fläche von 300 000 Fussballfeldern umfasste.

Der Weltklimarat erwartet, dass die Anzahl Brände in den meisten Tundra- und borealen Regionen in diesem Jahrhundert weiter zunehmen werden, was zu einem weiteren Temperaturanstieg führen wird.

2019 waren die Temperaturen in der nördlichen Polarregion aussergewöhnlich hoch – genau dort, wo viele Feuer ausgebrochen sind. Im sibirischen Teil der Arktis lagen die Temperaturen um bis zu zehn Grad Celsius über dem Durchschnitt von 1981 bis 2010.

Was ist zu tun?

Angesichts dieser Gefahren wird die Einhaltung des zwei-Grad-Celsius-Ziels noch drängender. Gemäss IPCC-Report hängt die Beschränkung der Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius entscheidend von einer massiven Emissionsreduktion in Verbindung mit koordinierten und ehrgeizigen Anpassungsmassnahmen ab. Dazu müssen Regierungsbehörden ihre Zusammenarbeit und Koordination intensivieren.

Aber auch Massnahmen der Wirtschaft sind nötig, insbesondere auch der Finanzwirtschaft. Die Finanzinstitute sollten angespornt werden, ihre Investments am zwei-Grad-Ziel auszurichten. Auch wir bei der LGT arbeiten seit vielen Jahren daran, unsere Geschäftstätigkeiten nachhaltiger auszurichten. Klimaschutz ist eines der wichtigen Themen, zu denen wir einen konkreten Beitrag leisten wollen. In unserer Nachhaltigkeitsstrategie 2025 haben wir unsere Ziele für die nächsten Jahre definiert. So wollen wir im Bankbetrieb bis 2025 die CO2-Emissionen gegenüber 2017 um 20 Prozent senken. Auch unsere Investments wollen wir kohlenstoffarm ausrichten. Der Weg dahin ist weder für uns, noch für andere Finanzinstitute einfach, aber wir wollen ihn konsequent gehen.

Gletscherschmelze in der Schweiz sichtbar
In der Schweiz haben die Gletscher über die letzten zehn Jahre rund 20 Prozent ihrer Masse verloren und sich stark zurückgezogen – und wäre der Winter vor zwei Jahren nicht so schneereich gewesen, wäre der Verlust aufgrund des sehr heissen und trockenen Sommers 2017 noch viel höher gewesen.

Ein sichtbares Beispiel dafür ist der Triftgletscher. Bis 2004 war die Trifthütte nur durch eine Überquerung des Triftgletschers zu erreichen. Aufgrund des Rückgangs der Gletscherzunge war sie ab der Jahrtausendwende nur noch für erfahrene Alpinisten erreichbar – und auch für sie wurde die Überquerung des Gletschers immer gefährlicher. Heute befindet sich dort, wo einst die Gletscherzunge war, der Triftsee. Die Trifthütte ist neu per Seilbrücke erreichbar.

Triftgletscher

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