Mittelalterliches „Inkasso“: Ab in den Schuldturm

Mittelalterliches „Inkasso“: Ab in den Schuldturm 

So ändern sich die Zeiten: Wer heute Geld hat, baut gern in die Höhe; wer früher keines hatte, musste im Schuldturm schmoren.

Die Architektur eines Gebäudes folgt nicht nur den Aspekten Ästhetik und Funktionalität, sondern war schon immer mit Symbolik und oftmals auch mit psychologischer Wirkung verknüpft. Warum etwa muss, wer ein altes Gerichtsgebäude betreten will, oft die Stufen einer breiten Aussentreppe erklimmen? Warum weisen viele alte Gerichtssäle beeindruckend hohe Decken auf? Die einfache Erklärung: Der „Sünder“ soll sich klein fühlen. Der frühere deutsche Historiker und Denkmalschützer Professor Gottfried Kiesow sprach in diesem Zusammenhang einmal von „Einschüchterungsarchitektur“.

Türme hingegen stehen für Macht, Einfluss und Geld. Um das festzustellen, muss man nicht nach New York reisen. Der Landeanflug auf Frankfurt mit dem faszinierenden Ensemble von Wolkenkratzern ist immer wieder atemberaubend. Und auch wenn der Trump Tower in Manhattan mit seinen 202 Metern im Vergleich zum aktuell höchsten Bauwerk, dem Burj Khalifa in Dubai mit 828 Metern, fast schon niedlich anmutet, so ist er doch ein Symbol des aufstrebenden Reichtums. Nicht von ungefähr werden Wolkenkratzer bisweilen auch „Geldkerzen“ genannt.

Schuldtürme für Männer und Frauen

Ganz anders im Mittelalter: Wer damals in einem Turm landete, hatte nicht viel Geld, sondern – ganz im Gegenteil – zu wenig oder gar keines. Bis heute blieb uns dieser Begriff in der Umgangssprache erhalten: Wer in die Schuldenfalle getappt ist, sitzt im übertragenen Sinne im Schuldturm.

Im späteren Mittelalter war das noch ganz wörtlich zu nehmen: Wer seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkam, musste im Schuldturm – oftmals Bestandteil der Stadtmauer – büssen. In Nürnberg zum Beispiel gab es ab dem 14. Jahrhundert Schuldtürme für Männer und Frauen. Der 1323 von Stadtbaumeister Conrat Stromer errichtete Nürnberger Männerschuldturm in der Sebalder Altstadt blieb bis heute erhalten.

Wie die Ex einen „Alimentesünder“ büssen liess

Die Gefahr, im Schuldturm zu landen, bestand freilich nicht nur im Mittelalter. In den 1960er Jahren sorgte der Fall des ehemaligen New Yorker Stadtpolizisten Edward Eddington für Aufsehen. Nachdem er jahrelang seiner ehemaligen Ehefrau Alimente überwiesen hatte, wollte er plötzlich nicht mehr zahlen. Sie könne sich selbst ernähren, argumentierte er. Doch da hatte er die Rechnung ohne seine Ex gemacht. Denn die sorgte dafür, dass der renitente Edward ein paar Monate in einem altmodischen New Yorker Schuldturm büssen musste.

Damit auch die Kleinen schon wissen, was man früher mit hartnäckigen Schuldnern anstellte, gibt es Schuldtürme von Playmobil. Die Kinder werden vermutlich froh sein, heute über Türme nur noch staunen zu können, statt sich ängstigen zu müssen.

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