Monte di Pietà, die Berge der Barmherzigkeit

Monte di Pietà, die Berge der Barmherzigkeit 

Im Mittelalter fusste das Kreditwesen nicht nur auf ökonomischen Regeln, sondern auch auf religiösen. Das von der Kirche erlassene Zinsverbot erschwerte die Kreditvergabe. Der ärmeren Bevölkerung blieb der Zugang zu Krediten verwehrt – bis die Franziskaner eigene Kreditkassen gründeten. Diese hatten auch ein anderes Ziel, als den Armen zu helfen …

Frühe Formen des Kreditwesens gab es schon 3000 Jahre v. Chr. in Mesopotamien. Bauern liehen sich Getreidesaat und gaben diese nach der Ernte zuzüglich Zinsen wieder zurück. Die ersten Münzen, die im antiken Griechenland und in Lydien rund 700 v. Chr. geprägt wurden, ermöglichten erste Geldwechsel- und Leihgeschäfte, die man als Kredite bezeichnen kann.

Mittelalter: Zinsverbot erschwert die Kreditvergabe

Im Mittelalter waren wegen des allgemein herrschenden Bargeldmangels Konsum- und Warenkredite en vogue. Erschwert wurde die Kreditvergabe jedoch durch das Zinsverbot, das sowohl die jüdische als auch die katholische Religion kennen. Da sich das Zinsverbot im Judentum auf Angehörige der eigenen Religion beschränkte, gestattete ihnen Papst Alexander III. 1179 ausdrücklich das Zinsgeschäft. Juden waren im mittelalterlichen Europa zeitweise die einzige Gruppe, die gewerbsmässig Geld verleihen durfte. Hingegen unterlagen sie zahlreichen Berufsverboten und durften beispielsweise kein Handwerk ausüben.


Registrieren Sie sich und wir informieren Sie zweiwöchentlich über die aktuellen Blogbeiträge.


In der vormodernen Zeit bestimmten nicht die Marktzinsen die Höhe des Zinssatzes, sondern primär das Vertrauen in den Kreditnehmer. Langfristige Immobilienkredite gab es für sechs bis zehn Prozent, für kurzfristige oder weit entfernte Handelsunternehmungen wurden zehn bis zwanzig Prozent berechnet. Generell wurde der Zins der Art des Geschäfts angepasst und konnte auch 100 Prozent betragen.

Kleinkredite von der Monte di Pietà

Ausgeschlossen von der Kreditvergabe blieben ärmere Bevölkerungsgruppen wie Handwerker, Tagelöhner, Bauern und Witwen. Um diese in wirtschaftlichen Notlagen zu unterstützen, gründeten die Franziskaner im Spätmittelalter karitative, Monte di Pietà genannte Pfandleihanstalten. Diese „Berge der Barmherzigkeit“ vergaben Kleinkredite gegen einen günstigen Zinssatz zwischen vier und zehn Prozent und ein Pfand, meistens Haushaltsgegenstände, Schmuck oder Waffen.

Barmherzigkeit war nicht der einzige Grund der Kreditvergabe: Die Einrichtungen sollten auch „Wucherer“, womit vornehmlich Juden gemeint waren, verdrängen. Das gelang trotz der grossen Verbreitung der Monti di Pietà nicht. Denn die beiden Systeme richteten sich an eine unterschiedliche Kundschaft, und manche Kreditbedürftige mieden die Monti di Pietà aus Scham, da ihnen die Kreditvergabe nicht diskret genug erschien.

Der erste Monte di Pietà entstand im Jahr 1462 in Perugia. Bis Mitte des 16. Jahrhunderts wurden in ganz Italien über 200 solcher Institute gegründet. Sie wurden gezielt zur Armutsbekämpfung eingesetzt und bestanden in den meisten Fällen bis ins späte 19. oder frühe 20. Jahrhundert. Erst in jüngster Zeit sorgte eine Nachfolgeeinrichtung dieser mittelalterlichen Darlehensgeber für Schlagzeilen: die Banca Monte di Paschi di Siena. Sie wurde 1472 als Monte di Pietà in Siena gegründet und ist heute die älteste noch existierende Bank der Welt – auch dank der Europäischen Zentralbank. Diese hatte sie 2017 mit sechs Milliarden Euro vor dem Bankrott bewahrt.

Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 12. Juni 2019 | marktEINBLICKE

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.