Sünder, Verführer, Konkurrent: Der ungeliebte Münzautomat

Sünder, Verführer, Konkurrent: Der ungeliebte Münzautomat 

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Ware gegen Geld eintauschen, ohne zu arbeiten? Verkaufen ohne teures Geschäft? Diesen Händlertraum machten – in den 1870er-Jahren in den USA und etwas später in Europa – die ersten Verkaufsautomaten wahr. Die Kunden liebten sie, andere dagegen weniger.

Verkaufen ist Arbeit, und umständlich dazu: Der Verkauf einer Ware setzt erstens ihr Vorhandensein und zweitens die Anwesenheit von Käufer und Verkäufer voraus – die Schilder mit der Aufschrift «Heute geschlossen» zeugen von den Grenzen dieses Systems. In den Tempeln der Antike pflegten geschäftstüchtige Händler den Gläubigen Weihwasser zu verkaufen. Doch was, wenn sich deren Gebete nicht an die Geschäftszeiten hielten? Der griechische Forscher Heron von Alexandria schuf im 1. Jahrhundert n. Chr. Abhilfe. In seinem Buch «Pneumatika» beschreibt er die Konstruktion eines Weihwasserautomaten. Der bestand aus einem Zylinder, der mit Wasser gefüllt war und auf dessen Oberfläche eine Holzscheibe schwamm. Das Gewicht der eingeworfenen Tetradrachme drückte das Weihwasser durch ein Röhrchen nach oben, wo es dem Käufer in die Hand rann. Die Götter betrügt man nicht; ein Prüfen der Münze erübrigte sich. Dieser sogenannte «Heronsbrunnen» war der erste Verkaufsautomat der Geschichte.

Dass wir unser Geld heute nicht nur zur Bank, sondern auch zum Münzautomaten tragen, liegt an einem eigentlichen Erfindungsboom Ende des 19. Jahrhunderts. Postkarten, Bücher, Bleistifte, Schokolade, Kaugummi, Zigaretten – was immer sich in Automaten abfüllen liess, wurde auf einmal in schrankgrossen, verschnörkelten, bunt lackierten Schränken aus Gusseisen, Stahlblech oder Holz angeboten. Der Mechanismus, der die durch ein Schauglas sichtbare Ware in den Auswurf beförderte, wurde immer komplexer – ebenso wie die ausgeklügelten Münzprüfsysteme, die findige Betrüger immer aufs Neue mit Unterlagsscheiben oder minderem Kleingeld auszutricksen suchten.

Das Aufkommen der Verkaufsautomaten in Europa stiess indes nicht nur auf Zustimmung. Angesichts der vielen Süssigkeiten sorgten sich Kritiker um die Volksgesundheit; Händler sahen in den aufgestellten Kästen unliebsame Konkurrenz und monierten Verstösse gegen örtliche Gewerbeordnungen; selbsternannte Sittenwächter befürchteten gar die Anstiftung zur Kriminalität, weil Kinder immer wieder versuchten, die Automaten mit Hosenknöpfen zu überlisten. Die Kirche schliesslich hatte Bedenken wegen des Warenverkaufs an Sonntagen und der möglichen Verführung der Gläubigen während der Fastenzeit. Dem Automatenboom konnte das alles nichts anhaben. 1902 eröffneten Joseph Horn und Frank Hardart in Philadelphia ein Selbstbedienungslokal, in dem die angebotenen Gerichte ausschliesslich in Automaten feilgeboten wurden. Die Firma «Horn & Hardart Automats» expandierte 1912 nach New York und wurde in den 1940er- und 1950er-Jahren mit mehr als 180 Filialen zur grössten Restaurantkette der Welt.

Heute dagegen wird über Internet bestellt, bezahlt wird per Kreditkarte, und geliefert wird per Post. Die letzten Jugendstilkästen aus den Anfängen der Automatenzeit dagegen sind selbst zur Handelsware geworden – als begehrte Sammlerobjekte.

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