Kopf oder Zahl? Wenn der Münzwurf entscheidet

Kopf oder Zahl? Wenn der Münzwurf entscheidet 

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Wenn die Wahl zwischen zwei Optionen quälend schwer fällt oder sogar unmöglich erscheint, akzeptieren viele den Zufall – und werfen eine Münze.

Wohl jeder echte Fussballfan erinnert sich an manche „bittere Niederlage“ seines Vereins. Auch die bald beginnende Weltmeisterschaft in Russland dürfte wieder reich sein an solch frustrierenden Augenblicken. Aber da gibt es auch diesen einen, für den Verlierer sicher bittersten Moment in der gesamten Fussballgeschichte am 24. März 1965, im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister. In der Hauptrolle: der belgische Schiedsrichter Robert Schaut sowie eine Scheibe mit einer roten und einer weißen Seite. Die rote Seite stand für den FC Liverpool, die weisse für den damaligen Deutschen Meister 1. FC Köln. Nachdem die Hin- und Rückrunde unentschieden ausgegangen waren, wurde ein Entscheidungsspiel in Rotterdam vereinbart. Doch auch diese Partie endete – trotz Verlängerung – unentschieden.

„Der Münzwurf von Rotterdam“

Heute löst man ein solches Problem mit Elfmeterschiessen. Im Jahr 1965 hingegen war diese nervenzehrende Entscheidungsfindung noch unbekannt. Und deshalb warf Schiedrichter Schaut eine Scheibe. Dieser sportliche Münzwurf sollte die Entscheidung bringen. Doch dann geschah das Unfassbare: Die Scheibe blieb mit der Kante im Schlamm des Spielfeldes stecken. Der zweite Wurf brachte die Entscheidung – zugunsten des FC Liverpool. Das Drama ging als „Münzwurf von Rotterdam“ in die Geschichte ein.

Das Werfen einer Münze ist das einfachste und deshalb vermutlich wohl auch älteste Zufallsexperiment. Da mag der Mensch noch so zaudern und zwischen zwei Optionen hin- und hergerissen sein, der Münzwurf entscheidet eindeutig: entweder Kopf oder Zahl. Die Chancen stehen 50 zu 50. Jedenfalls in den meisten Fällen, denn sowohl eventuelle Gewichtsunterschiede aufgrund der Legierung der Münze als auch der Untergrund, auf den die Münze fällt (siehe „Münzwurf von Rotterdam“), können in Ausnahmefällen den vermeintlichen Zufall beeinflussen.

Scheidung? Jobwechsel? Die Münze entscheidet

Psychologen und Ökonomen kennen den „Status Quo Bias“. Im Klartext: Die Mehrheit der Menschen mag den Wandel nicht. Sollte er dennoch unvermeidbar sein und eine Entscheidung anstehen, tun sich viele äusserst schwer. So schwer, dass manche mitunter sogar eine Münze werfen, wenn sie sich fragen, ob sie ihren Job kündigen oder eine Partnerschaft beenden sollen. Kein Scherz: Im Rahmen eines Experiments des Wirtschaftswissenschaftlers und Bestsellerautors Steven Levitt („Freakonomics“) erklärten sich rund 20 000 Teilnehmer bereit, bei einer wichtigen Entscheidung die Münze zu werfen. Und etwa zehn Prozent der Probanden folgten am Ende sogar dieser Zufallsentscheidung.

Doch wie kann es dazu kommen, dass Menschen sich einem Zufallsexperiment ausliefern? Erstens, weil uns der Münzwurf eine Entscheidung abnimmt, die wir uns nicht zu treffen getrauen oder die wir nicht treffen können. Und zweitens, weil viele, die nach einem langen Abwägungsprozess endlich zu einer eigenen Entscheidung gelangt sind, sich später fragen, ob sie wirklich richtig gehandelt haben. Über eigene Fehlentscheidungen ärgert man sich, Zufälle nimmt man gelassener hin. So wie der 1. FC Köln – er hatte das Spiel nicht verloren, sondern einfach nur Pech gehabt.

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