Negativzinsen: Eine verkehrte Welt

Negativzinsen: Eine verkehrte Welt 

Zurzeit ticken Wirtschaft und Finanzmärkte nicht mehr normal.

Normal ist eine Welt, in der Sie als Sparer von ihrer Bank eine Zinsgutschrift erhalten. Der Zins ist eine Entschädigung dafür, dass Sie Ihr Geld der Wirtschaft temporär zur Verfügung stellen. Sie verzichten also heute auf Konsum, um dafür morgen mehr Geld zur Verfügung zu haben. Normal ist auch, wenn ein Unternehmer einen Kredit aufnimmt und hierfür der Bank Soll-Zinsen bezahlt. Die Zinskosten sorgen dafür, dass er in diejenigen Geschäftsideen investiert, die genügend Ertrag zur Bezahlung der Zinsen versprechen. Und normal ist schliesslich, dass Banken, die überschüssiges Geld bei der Zentralbank parkieren, hierfür ebenfalls Zinsen bekommen bzw. der Zentralbank einen Zins bezahlen müssen, wenn sie von dieser Geld ausleihen. In einer normalen Welt sind Zinsen der Preis für Geld. Die Zinsen steuern das Sparen, Investieren und Konsumieren.

Seit der Finanzkrise tickt die Welt nicht mehr normal. Um die stagnierende Wirtschaft anzukurbeln, haben die Zentralbanken die Zinssätze auf ein rekordtiefes Niveau gesenkt. In einer normalen Welt würde das billige Geld dazu beitragen, dass die Banken den Unternehmen vermehrt Kredite zur Verfügung stellen, diese dank billigen Krediten höhere Investitionen tätigen und die Konsumenten ihr Geld lieber ausgeben, als zu Tiefstzinsen auf der Bank zu horten. Die Strategie hat vor allem in den südeuropäischen Ländern nicht funktioniert. Obwohl die Banken von der Zentralbank praktisch zum Nulltarif Geld erhalten, kommt die Kreditvergabe an die Unternehmen nicht auf Touren. Die Banken sind vorsichtig, weil sie der Wirtschaftsentwicklung misstrauen. Die Konsumenten sind vorsichtig, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchten. Sie horten ihr Geld trotz Nullverzinsung lieber auf der Bank oder unter der Matratze, als es auszugeben. Und die Unternehmen sind vorsichtig, weil die Konsumenten nicht konsumieren. Ein Teufelskreis.

Und obwohl ihre Strategie bisher nicht aufgegangen ist, pumpen die Zentralbanken unverdrossen weiteres billiges Geld ins System. Mitte Juni ist nun eingetreten, was die verkehrte Welt komplett macht: die Europäische Zentralbank belastet die Geschäftsbanken mit einem Negativzins. Statt auf ihren Einlagen Habenzinsen zu erhalten, bezahlen sie hierfür eine Art Strafzins. Das soll die Banken noch stärker motivieren, Kredite an Unternehmen zu vergeben. Ob dies tatsächlich passieren wird, ist umstritten. Und bereits denken einige Banken darüber nach, Einlagen von Unternehmen ebenfalls mit einem Negativzins zu belegen. In letzter Konsequenz könnte es sogar dazu kommen, dass auch der normale Sparer auf seinem Bankguthaben Zinsen bezahlen muss. Die sinnvolle Steuerungsfunktion der Zinsen wird auf diese Weise immer stärker ausgehebelt. Namhafte Ökonomen bezweifeln, dass die Politik des billigen Geldes der Wirtschaft wieder auf die Beine hilft. Die Politik der Zentralbanken scheint zurzeit ein riesiges Experiment mit ungewissem Ausgang zu sein.

Leselinks:
Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar sieht in Negativzinsen gar das Ende des Kapitalismus.

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