Der Glaube an die ewige Omnipotenz

Der Glaube an die ewige Omnipotenz 

In den letzten Wochen wurde von den globalen Zentralbanken (Europäische Zentralbank (EZB) und US Federal Reserve (Fed) wieder einmal der klassische Notenbank-Put verwendet, was an den Aktienbörsen zum Teil frenetisch gefeiert wurde.

Der Glaube an die anhaltende Omnipotenz der Notenbank scheint stärker denn je zu sein. Mit Aussagen der Zentralbank Verantwortlichen wie „wir werden alles tun, was nötig ist“ können die Märkte anscheinend immer noch wiederbeatmet bzw. beflügelt werden. Könnte dieser Notenbank-Put das erste „Perpetuum Mobile“ dieser Welt werden, indem mit immer mehr Geld der Zyklus bis in alle Ewigkeit verlängert wird ohne langfristige, gravierende Folgen? Schauen wir uns doch einmal das Notenblatt der Zentralbanken seit der grossen Finanzkrise bzw. Great Financial Crisis (GFC) an.

Zweifelhaftes Palmarès der Zentralbanken

Vor der Finanzkrise 2008/2009 steuerten die Währungshüter die Wirtschaftsdynamik hauptsächlich über den Leitzins. Schon vor der GFC gab es zum Teil Versuche, den Wirtschaftszyklus zu verlängern – bestes Beispiel bleibt da wohl der „Versicherungs-Cut“ der US Federal Reserve während der Mini-Asien-Krise 1998 unter dem damaligen Zentralbank Vorsitzenden Alan Greenspan, welcher zu seiner Zeit einen absoluten Kultstatus genoss. Die GFC hatte aber ein derartiges Ausmass, dass selbst ein Zinsniveau von Null Prozent in den USA nicht ausreichte, um die Wirtschaft genügend zu stimulieren. Zu gross waren die Verwerfungen an den Kapitalmärkten und die damalige Fehlallokation von Kapital. Deshalb wurde die quantitative Geldlockerung (Quantitative Easing (QE) ins Leben gerufen, welche heute – 10 Jahre nach der Finanzkrise – nicht mehr wegzudenken ist und im Arsenal der Zentralbanken bleiben wird. Die massiven Geldströme können in eine sogenannte „Shadow“-Rate (Schattenzinssatz) umgerechnet werden. Diese entspricht dem effektiven Zinssatz, unter Berücksichtigung des QE Programms. In Grafik 1 ist das Ausmass klar ersichtlich. Wir hätten in den USA ein Zinsniveau von -5.5% und in der Eurozone von -7.5% gehabt.

Schattenzinsen, Notenbanken-Put
Schattenzinssätze

Obwohl das QE negative Folgen nach sich ziehen wird (vgl. nächster Abschnitt), soll an dieser Stelle eine Lanze für die Notenbanken gebrochen werden. In den Jahren 2008 bis 2010 hat es das massive und sehr bestimmte Eingreifen der Zentralbanken benötigt, da es sonst zu einem Systemfehler oder sogar zu einem Systemkollaps gekommen wäre. Die Folgen wären wohl mit der grossen Depression von 1929 vergleichbar gewesen. Dennoch fällt das Notenblatt der G3 – Notenbanken (US Fed, EZB und Bank of Japan) ungenügend aus, da es diese verschlafen haben, eine Normalisierung der Geldpolitik zu erreichen, wobei die USA diesbezüglich wohl am weitesten fortgeschritten war. Die EZB befindet sich noch Lichtjahre von einer Normalisierung entfernt und in Japan sehen wir täglich die Schwachstellen des grössten geldpolitischen Experiments aller Zeiten. Was sind denn heute schon die Folgen dieser Politik?

Der enteignete Sparer oder was ist ein Sparbuch?

Die langfristigen Folgen dieser Notenbankpolitik sind heute noch nicht genau abschätzbar und werden in diversen Dissertationen ab 2030 sicherlich sehr intensiv beleuchtet werden. Der Sparer muss aber schon heute mit den Folgen leben. Die Liste der Konsequenzen ist endlos lang, deshalb der Fokus auf die zwei Prägnantesten. Erstens gibt es heute weder einen Zins auf dem Sparbuch noch kann der Sparer sein Geld risikolos in Schweizer Franken oder Euro anlegen. Markowitz – der Erfinder der Modernen Portfoliotheorie – wird sich wohl mit 91 Jahren fragen, wie so etwas möglich ist. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist betrifft uns alle: Das Stichwort hier sind die Pensionskassen, deren Mindestzinssatz kontinuierlich gesenkt wird. Das bedeutet, dass via den nun ausbleibenden Zinseszinseffekt die Vorsorgevermögen in der Zukunft drastisch kleiner sein werden.

Anleihen mit negativen Zinsen weltweit, Notenbanken-Put
Anleihen mit negativen Zinsen weltweit (Marktwert, USD Billionen)

Das Phänomen betrifft aber nicht nur den Sparer, sondern jeden Obligationeninvestor, ob das nun ein privater oder ein institutioneller Anleger ist. Mit dem erneuten Stimulus der Notenbanken sind die Kurse der globalen Wertpapiere aufgrund der fallenden Zinsen auf ein neues Allzeithoch geklettert – wir reden von 13 000 Milliarden Schweizer Franken oder ein Äquivalent von 1000 Gotthardbasistunnels (Grafik 2). Da kommt sofort die Frage auf, wie lange dieser Notenbank-Put noch funktionieren wird.

Der Traum vom ewigen Wirtschaftszyklus

In den Medien wird immer wieder vom längsten Wirtschaftszyklus seit dem 2. Weltkrieg gesprochen. Das stimmt, wenn man die Zeitachse anschaut, hingegen ist es das schwächste US-Wirtschaftswachstum der letzten 80 Jahre. Wenn bei dem kleinsten Hustenanfall der globalen Wirtschaft die Notenbanken immer wieder zur Rettung eilen, ist es nicht verwunderlich, wenn Leute vom ewigen Wirtschaftszyklus träumen. Träume können ja bekanntermassen auch Schäume sein und in diesem Fall dürfte das der Fall sein. Nicht nur, dass die zusätzlichen Stimuli immer weniger bewirken: Diese erreichen in den meisten Fällen nicht die reale Wirtschaft, sondern werden von den Unternehmen genutzt, um die Bilanzen aufzublähen und damit massive Aktienrückkaufprogramme zu tätigen und so ein virtuelles Gewinnwachstum zu kreieren.

Zwischen Glauben und Realität

Es ist schwierig zu sagen, wie sich das Endgame dieser modernen monetären Politik gestalten wird. Der Zeitpunkt dürfte wohl nicht in der nahen liegen und in die nächste Dekade verschoben werden. Solange die Marktteilnehmer an die ewige Omnipotenz von „oben“ glauben und sich nie die Frage über Sinn und Zweckmässigkeit dieser Politik stellen, wird das Endgame weiter hinausgeschoben. Aus heutiger Sicht haben die meisten G7-Zentralbanken ihr Mandat weit über das Vorstellbare hinaus ausgedehnt. Wir befinden uns auf monetärem Neuland und es wird beim Endgame weder für den Sparer noch den Kapitalmarktteilnehmer einfache Rezepte geben. Bis dahin sollte der Anleger sich auf traditionell Bewährtes konzentrieren und für die kommenden Monaten Geduld haben. Denn im Moment wird der Glauben noch nicht von der Realität herausgefordert und so befinden wir uns weiter in einer Zeitschleife wie im Hollywood-Klassiker „Und täglich grüsst das Murmeltier“.

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