Notenbankpolitik: Versagt die Taylor-Regel im Praxistest?

Notenbankpolitik: Versagt die Taylor-Regel im Praxistest? 

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Wie Janet Yellen zu Beginn des Jahres in einer Rede in Stanford erläuterte, bezieht sich die US-Notenbank bei der Festlegung des Leitzins nicht auf eine spezifische geldpolitische Theorie, sondern auf eine Reihe von Ansätzen. Eine davon ist die Taylor-Regel.

Aufgrund ihrer Einfachheit in der Analyse und Beschreibung der Geldpolitik erfreut sich diese Regel grosser Beliebtheit. Ihre Bedeutung sollte aber keinesfalls überschätzt werden.

Einfache Regel für Notenbanker zur Leitzins-Bestimmung

Zu den Aufgaben der Zentralbanken gehört es, angemessen auf das ökonomische Umfeld zu reagieren und bestimmte Ergebnisse – wie beispielsweise die Preisstabilität – für die Volkswirtschaft zu erzielen. Ein Analyseansatz zur Bewertung der wirtschaftlichen Lage ist die in den Neunzigerjahren von John Taylor entwickelte Taylor-Regel. Diese Formel berechnet das optimale Leitzinsniveau einer Notenbank und fokussiert auf zwei massgebende Faktoren: das momentane Preisniveau einer Volkswirtschaft und den Produktionsausstoss. Ist das gesamtwirtschaftliche Produktionspotenzial nicht ausgeschöpft oder liegt die Inflation unter dem Zielwert, so soll der Leitzins unter den Gleichgewichtszins (ein Zins, der auf lange Sicht mit nachhaltigem Produktivitätswachstum bei Vollbeschäftigung und stabiler Inflation vereinbar ist) gesenkt werden – sind sie darüber, ist eine Erhöhung angebracht.

Theorie und Praxis: zwei unterschiedliche Welten

Anhand der Finanzkrise lässt es sich gut aufzeigen, wie die Taylor-Regel in der Praxis funktioniert. Das Produktionspotenzial und die Inflation brachen 2008 regelrecht ein. Um die Märkte zu stimulieren respektive die Wirtschaft zu beleben, senkten die weltweiten Notenbanken die Zinsen. Während es unbestritten richtig war, auf die Krise schnell mit Zinssenkungen zu reagieren, erstaunt die Zurückhaltung bei der Zinsanhebung über die letzten Jahre. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kritisiert dieses asymmetrische Verhalten schon lange. Sie bemängelt, dass Notenbanken auf jeden kleinen Schock mit Zinssenkungen reagieren, ohne sie anschliessend wieder ausreichend zu erhöhen. Kritik kommt auch von John Taylor selbst: Die US-Fed hätte die Zinsen früher und gradueller anheben müssen, anstatt die Zinsen auf niedrigem Niveau zu belassen. Der Vergleich von US-Leitzins und US-Zins gemäss Taylor-Regel bestätigt diese Aussagen. Die Diskrepanz der zwei Werte war seit Beginn der 90er Jahre noch nie so hoch:

Leitzins_Taylor-Regel

Der Teufel liegt in der Faktorenbestimmung

Es stellt sich die Frage, ob die Taylor-Regel als Leitzins-Zielgrösse angemessen ist, wird sie in der Praxis der Notenbanken doch nur einseitig bei Zinssenkungen angewendet. Eine Herausforderung bei der Anwendung der Taylor-Regel liegt in der Gewichtung der Inputfaktoren. Ist die Inflationsbekämpfung das primäre Ziel der Nationalbank, wird sie mehr Wert auf den Inputfaktor „Preisniveau“ und weniger auf den „Produktionsausstoss“ legen. Die Gewichtungsgrössen müssen somit für jede Zentralbank basierend auf ihrem Mandat individuell geschätzt werden. Aber nicht nur bei der Gewichtung, sondern auch bei der Schätzung der Faktoren treten Schwierigkeiten auf. Die Abweichung des BIP vom „Produktionspotenzial“ ist beispielsweise nur schwer zu bestimmen. Zudem fliesst die ungenutzte Kapazität von Teilzeitangestellten oft nicht in Statistiken ein, wodurch das wahre Produktionspotenzial unterschätzt wird. Und auch bei der Bestimmung des Preisniveaus gibt es zahlreiche Herausforderungen. Diese Einschränkungen sowohl bei der Faktorenmessung als auch bei der Gewichtung relativieren die Bedeutung der Taylor-Regel.

Orientierungs- statt Zielgrösse für Leitzinsen

Die verstärkte Kritik an den Nationalbanken ist nachvollziehbar. Die nach wie vor extrem tiefen Zinsen schaffen einen gefährlichen Anreiz für weitere Verschuldungen. Verbessert sich die Situation in Europa weiter, werden die Forderungen nach einer strafferen Geldpolitik auch auf dem Kontinenten zunehmen. Sich dabei auf die Taylor-Regel zu berufen, ist jedoch unberechtigt. Sie stellt bei der Bestimmung des optimalen Leitzinsniveaus lediglich eine Referenzgrösse dar, welche die komplexen Leitzinsmodelle der Notenbanker für sich alleine nicht erklären kann. Ihr mechanisch zu folgen wäre ein Fehler – mit gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen.

 

Zum Thema Leitzins ist im LGT Finanzblog bereits erschienen:

Des einen Freud, des anderen Leid: was sind Leitzinsen?

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 14. September 2017 | Die Börsenblogger
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