Pecunia non fumat: Als Zigaretten zur Währung wurden

Pecunia non fumat: Als Zigaretten zur Währung wurden 

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Wenn Geld seine Funktion nicht mehr erfüllen kann, flüchten Menschen in andere Währungen. Ausgerechnet Zigaretten – der Inbegriff der Vergänglichkeit – werden in Krisenzeiten zur beliebten Ersatzwährung.

Krisen sind nichts für schwache Nerven. Der Siegeszug des Tabaks ist deshalb eng verbunden mit den grossen internationalen Konflikten. Bereits im dreissigjährigen Krieg verbreiteten spanische Soldaten neben dem Schrecken der Schlacht blauen Dunst aus ihren Kolonien in Europa. Auch während des zweiten Weltkrieges und der Konflikte im zerfallenden Jugoslawien stieg der Tabak-Konsum sprunghaft an. Der wachsende Bedarf machte Zigaretten in Krisenzeiten jedoch nicht nur wertvoll, sondern von der begehrten Ware zur Währung für alle anderen Güter.

Nikotin als Leitwährung der Krise

Geld spielt keine Rolle, wenn es nichts mehr gibt, was man dafür kaufen kann, oder wenn der Staat und seine Währungshüter selbst ins Wanken geraten. In Krisen gewinnen deshalb Sachwerte und Naturalien an Wert, die zwar schlechter gehandelt, dafür aber sofort genutzt oder konsumiert werden können. Zigaretten erfüllen dabei zugleich die Kriterien eines begehrten Konsumguts und viele Eigenschaften einer Währung: Sie sind leicht transportierbar, kaum verderblich und als Stangen, Schachteln oder einzeln nahezu beliebig teilbar. Als vergleichsweise genormtes Gut lassen sie sich einfach verrechnen und funktionieren über Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Sie verfügen sogar über einen impliziten Inflationsschutz, den Franken und Euro nicht besitzen: Da selbst in Zeiten höchster Not immer ein Teil der Zigarettenwährung buchstäblich verraucht, reduziert sich die Währungsmenge auf natürliche Weise – Nikotinsucht sorgt somit für die Stabilität des flüchtigen Zigarettengelds.

Auf eine Zigarette mit dem Schwarzmarkt

Zur allgemein anerkannten Leitwährung schwang sich die Zigarette vor allem in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg auf: Die Reichsmark verlor als Währung des untergegangenen Dritten Reiches so dramatisch an Wert, dass sie zum Kauf der wenigen frei verfügbaren Lebensmittel immer weniger akzeptiert wurde. An ihre Stelle trat die Währung der alliierten Soldaten: Lucky Strike, Camel und American Blend wurden auf den Strassen wie an einer Börse nach inoffiziellen Kurswerten gehandelt. Auf dem Schwarzmarkt konnten Zigaretten sogar die freie Preisbildung wieder anfachen, die aufgrund der Knappheit in den offiziellen Lebensmittelläden ausgesetzt war. Seidenstrümpfe kosteten in der amerikanischen Besatzungszone beispielsweise 48 US-Zigaretten, Gold wurde für 32 Zigaretten pro Gramm verkauft. Mit der Währungsreform 1948 löste sich der Wert der Zigarettenwährung jedoch wieder in Rauch auf. Freier Markt und D-Mark verdrängten die fliegenden Händler und Zigarettenbörsen – und Rauchen gefährdete wieder die Gesundheit, nicht die Lebensmittelversorgung der Familie.

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