Aktienmärkte im Peter-Pan-Zyklus

Aktienmärkte im Peter-Pan-Zyklus 

Der Konjunkturzyklus scheint nicht zu altern, fast wie die Disneyfigur Peter Pan.

Disneys Zeichentrickfilm Peter Pan musste man als Kind in den 70er- und 80er-Jahren einfach gesehen haben und auch im neuen Jahrtausend hat der Filmstreifen kaum an Anziehungskraft verloren. Zu interessant ist der Protagonist Peter Pan, der in Nimmerland (Neverland) lebt und niemals erwachsen wird. Es ist da schon sekundär, dass er der Anführer der „verlorenen Jungs“ (Lost Boys) und sein Gegenspieler der gefürchtete Piratenkapitän Hook ist. Ursprünglich als Geschichte für Erwachsene geschrieben, sind an Peter Pan vor allem seine ewige Jugend, und dass er nie erwachsen werden „muss“ faszinierend.

Betrachtet man den Mythos Peter Pan vor einem volkswirtschaftlichen Hintergrund, so wird in der jetzigen Dekade sich wohl fast jeder Ökonom fragen, ob denn Konjunkturzyklen wirklich altern oder sie aufgrund anderer Faktoren plötzlich enden. Denn der traditionelle Konjunkturzyklus mit den vier Phasen – Aufschwung (Expansion), Hochkonjunktur (Boom), Abschwung (Rezession) und Tiefphase (Depression/Bust) – scheint zumindest in den letzten Jahren in Frage gestellt worden zu sein. Befinden wir uns volkswirtschaftlich in einem Peter-Pan-Zyklus?

Der Peter-Pan-Zyklus zwischen Fakten und Fake News

Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass ein Zyklus ganz unterschiedlich definiert und der Datenkranz auf verschiedenen Aggregationsniveaus gebunden werden kann. Die Fakten der US-Wirtschaft sind aber nichtsdestotrotz beeindruckend.

Die wirtschaftliche Expansion in den USA hat zuletzt im Jahr 2009 begonnen und befindet sich nun im 126. Monat – das ist schlichtweg bemerkenswert. Zwar handelt es sich in absoluten Zahlen um die schwächste Expansion seit dem zweiten Weltkrieg, aber auch um die längste Expansion, und diese hat zur tiefsten Arbeitslosigkeit in den USA seit über 50 Jahren geführt.

Soweit bereits eine erste historische Einordung. Innerhalb einer Ökonomie gibt es zudem verschiedene Kategorien, welche weniger bzw. stärker den zyklischen Tendenzen ausgesetzt sind. So hat sich beispielsweise das verarbeitende Gewerbe in den USA im Jahr 2019 in einer starken Kontraktion befunden und in der Eurozone, speziell in Deutschland, war das Industriegewerbe in einer Rezession. Peter Pan hat also in einzelnen Teilen einer Volkswirtschaft (verarbeitendes Gewerbe) oder einer speziellen Region (Eurozone) definitiv Alterserscheinungen gezeigt. Alles andere kann vom professionellen Investor getrost in das Lager von Fake News projiziert werden. Zu komplex und vernetzt präsentiert sich heutzutage die globale Volkswirtschaft.

Die Geldpolitik als Peter-Pan-Promoter

Der ewigdauernde Zyklus hält sich jedoch nicht von selbst am Leben. Seit der grossen Finanzkrise im Jahr 2008/2009 sind die globalen Notenbanken, allen voran die drei Musketiere Federal Reserve (Fed), Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan (BoJ), Peter Pan und seinen „Lost Boys“ stets zur Hilfe geeilt. Die Omnipotenz der Notenbanken wurde in diesem Blog bereits mehrmals zur Sprache gebracht. Wann immer es in den vergangenen Jahren zu einer Abschwächungstendenz auf globaler oder regionaler Basis kam, sind die Notenbanken mit zusätzlichen stimulierenden Massnahmen dem Kapitalmarkt sofort zur Seite gestanden. Der Peter-Pan-Mythos vom nie zu Ende gehenden Zyklus war geboren.

Die Kehrseite der Medaille ist heute schon ersichtlich. Einerseits muss die Dosis der Geldspritze jedes Mal erhöht werden und andererseits werden die Nachteile einer derartig langjährigen stimulierenden Geldpolitik immer offensichtlicher – Tiefzinsumfeld und Fehlallokation von Kapital. Deshalb ist es auch kaum verwunderlich, dass sich Politiker wie Notenbank-Verantwortliche immer mehr eine Alternative wünschen. Diese Hoffnung wurde schnell identifiziert und kann nur in der Fiskalpolitik gefunden werden. Nicht nur Fed-Chairman Jay Powell, sondern auch Christine Lagarde als Chefin der EZB lassen keine Möglichkeit aus, um die Werbetrommel für diese Art von Stimulus zu propagieren.

Der Aktienmarkt ist teuer – lang lebe der Aktienmarkt!

Wie vorher bereits beschrieben, ist bei langjährigem, extensivem Stimulus die Fehlallokation von Kapital nicht ausgeschlossen. Deshalb verwundert es den langfristigen Investor kaum, dass die globalen Aktienmärkte im historischen Vergleich als teuer einzuschätzen sind (Grafik 1). Mit einem Kursgewinn-Verhältnis (MSCI Welt ACWI) von über 17 befinden wir uns absolut betrachtet auf der sportlichen Seite für die kommenden Jahre. Die Argumente dafür sind schnell gefunden: Einerseits spricht die relative Bewertung von Aktien gegenüber dem Rentenmarkt weiter für Aktien, und andererseits gibt es im Negativzinsumfeld der Schweizerischen Nationalbank und EZB kaum Alternativen.

Mittel- bis langfristig betrachtet sitzen wir alle im gleichen Boot, wobei es sich lohnen wird, wie bei jedem Versicherungsvertrag immer das Kleingedruckte zu beachten. Erstens sind die Renditeerwartungen auch für Aktien in den kommenden zehn Jahren signifikant tiefer als in den letzten zehn Jahren. Mit diesem Setup vor Augen sehen wir zweites, dass der Fokus vermehrt auf der Selektion liegen muss, sprich auf attraktiven Industrien/Sektoren oder Einzeltiteln. Abschliessend wird auch Anleger-Disziplin sowie die Anlagephilosophie vermehrt ins Zentrum rücken. Mit Fokus auf Qualitätsfirmen und erprobten Geschäftsmodellen wird der Investor auch in der nächsten Runde der Digitalisierung profitieren können und nicht nur von Peter Pan und seinem Zyklus abhängig sein. Denn der Tag wird kommen, wenn dieser Zyklus ein Ende findet und Kapitän Hook das Steuer übernimmt.

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