Protektionismus: Zur Stärke gezwungen

Protektionismus: Zur Stärke gezwungen 

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Die eigene Wirtschaft mit protektionistischen Massnahmen zu schützen, kann kurzfristig auch einen Aufschwung bewirken. Das zeigt Napoleons Kontinentalsperre, mit der er England den Zugang zu den europäischen Märkten verwehrte. Doch letztlich stärkte er damit den Gegner.

Die Parole „Mein Land zuerst“ ist wieder en Vogue. Auch wenn man damit vor allem die USA verbindet: Vermutlich gibt es kein Land der Welt, das darauf verzichtet, seine eigene Wirtschaft durch protektionistische Massnahmen zu schützen. Dies kann bis zu eigentlichen Handelskriegen führen. Deren extremste Form ist die Wirtschaftsblockade, wie sie beispielsweise Napoleon 1806 gegen England verfügte.

Mein Land zuerst

Napoleon veranlasste die Kontinentalsperre nach der Niederlage in der Seeschlacht von Trafalgar im Oktober 1805. England schien ihm militärisch nicht zu besiegen, also wollte er es wirtschaftlich in die Knie zwingen. Dank Frankreichs Vormachtstellung zur See, konnte er mit der 1806 verhängten Kontinentalsperre die englischen Handelsschiffe nicht nur von den französischen Küsten fernhalten, sondern fast vom ganzen Kontinent. Bis Ende 1807 waren alle europäischen Staaten mit Ausnahme von Schweden der Kontinentalsperre beigetreten. Auch Russland schloss sich der Blockade an.

Aufschwung in Europa

Napoleons Ziel: der Zusammenbruch der englischen bei gleichzeitigem Aufschwung der heimischen Wirtschaft. Profitieren sollten auch verbündete und von Frankreich eroberte Staaten.

Tatsächlich erlebten manche Wirtschaftszweige einen Aufschwung. Die französische Baumwollindustrie blühte auf. Auch die Schweiz profitierte: Die Verknappung des Angebots führte bei gewissen Gütern zu einem starken Preisanstieg, was den neu gegründeten Schweizer Spinnereien und Maschinenbauern ermöglichte, von Beginn an profitabel zu arbeiten.

England im Niedergang?

Auch in England machte sich die Kontinentalsperre bemerkbar. Die Ausfuhren gingen rapide zurück, Importprodukte verteuerten sich. Der Preis von Weizen beispielsweise verdoppelte sich, was zu einem Mangel an Brot und Nahrungsmitteln führte.

Doch die Rückschläge waren rasch verdaut – und führten zu neuer Stärke. Während beispielsweise in Ostpreussen die Getreidepreise um bis zu 80 Prozent sanken und auch der Holzhandel zusammenbrach, weil England als Abnehmer fehlte, eroberten die Engländer neue Märkte. Sie lieferten ihre Waren nach Süd- und Nordamerika und bezogen von dort Produkte, die sie bislang vom europäischen Festland importierten.

Trügerische Rechnung

Abgesehen davon, dass es ohnehin nie gelang, englische Güter völlig vom Festland fernzuhalten, übertrafen in Kontinentaleuropa die negativen Auswirkungen der Kontinentalsperre die Vorteile bei weitem. Die Festlandländer erlitten einen starken Tiefschlag, weil sie vom nunmehr verhinderten Aussenhandel über den Seeweg abhängig waren. Der Bevölkerung fehlte es an alltäglichen Produkten wie Zucker, Kaffee und Tee. Die Hafenstädte befanden sich im Sturzflug. Für viele Manufakturbesitzer – die Metallindustrie beispielsweise war stark vom Aussenhandel abhängig – bedeutete die Kontinentalsperre den Ruin.

England hingegen ging aus dem von Napoleon angezettelten Wirtschaftskrieg gestärkt hervor. Es machte sich von Waren aus den Festlandländern Europas unabhängig und stärkte seine wirtschaftliche Vormachtstellung, indem es sich neue Märkte erschloss.

Nach der verheerenden Niederlage im Russlandfeldzug 1812 wurde die Kontinentalsperre aufgehoben.

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