Raketentests und Börsenboom: Ein Widerspruch? 

Artikel bewerten

Nordkorea hat die Anzahl Raketentests in diesem Jahr um ein Vielfaches erhöht und sein Präsident ignoriert demonstrativ die martialischen Warnungen seines Gegenspielers in Washington. Im September legte Pjöngjang noch einen Zacken zu: Es feuerte erstmals zwei Langstreckenraketen über Japan hinweg, führte den bisher stärksten Wasserstoffbombentest durch und sprach dann von der „Versenkung“ des japanischen Archipels durch Atomschläge. Doch wie reagieren die asiatischen Börsen auf das Säbelrasseln?

Für Asiens Börsen scheint zu gelten: Je mehr Atom- und Raketentests Nordkorea durchführt, desto besser. Denn am Höhepunkt der jüngsten Säbelrasselrunde erklommen die Börsenindizes in Fernost schwungvoll neue Rekordhöhen (vgl. Grafik). Technisch hat der Trend inzwischen so viel positive Dynamik, dass er mittelfristig kaum aufhaltbar wirkt. Besonders deutlich wird die Stärke der asiatischen Börsen in diesem Jahr im Vergleich zu jenen Nordamerikas, Westeuropas und Japans. So hat der MSCI Far East in US-Dollar gemessen seit Beginn des Jahres knapp 30 Prozent zugelegt, im Vergleich zu 18.8 Prozent des europäischen, 13.6 Prozent des japanischen und 11.6 Prozent des nordamerikanischen Indizes.

Je mehr Raketentests, desto besser für Asiens Börsen

Quelle: Bloomberg, LGT Capital Partners

Politische Krise – wirtschaftlicher Boom

Realwirtschaftlich betrachtet herrscht in Asien Hochkonjunktur. Selbst das grundsätzlich vergleichsweise wachstumsschwache Japan zeigt Stärke: Im zweiten Quartal des Jahres übertraf die Wirtschaft des Inselarchipels das eigene Potenzialwachstum um mehr als das Dreifache. Das Gewinnwachstum der Nikkei-Unternehmen ist derzeit mehr als doppelt so hoch wie im globalen Schnitt und die Exporte verbuchen zweistellige Zuwachsraten, wobei die Exporte nach Asien zuletzt am Stärksten stiegen. Die Wirtschaft brummt überall in Fernost – und global betrachtet hellt sich die Konjunktur ohnehin schon seit gut zwei Jahren stetig auf.

Dieser Hintergrund ist sicherlich ein wichtiges Argument, weshalb derzeit kaum jemand das Säbelrasseln rund um Nordkorea ernst nimmt. Dazu kommt, dass Asiens Börsen in den letzten fünf Jahren jenen im Westen und in Japan hinterherhinkten. Sie haben heute daher entsprechend mehr Aufholpotenzial.

Möglich ist allerdings auch eine ganz andere Argumentation: Vor mehr als 60 Jahren wurde auf der koreanischen Halbinsel bekanntlich ein brutaler Krieg zwischen dem kommunistischen „Osten“ und dem kapitalistischen „Westen“ mittels eines einfachen Waffenstillstandabkommens ungelöst „eingefroren“. Nun könnte die Zeit gekommen sein, das Problem endlich anzupacken.

Die Weisheit der Märkte

Obwohl einer Entspannung noch viele praktische und theoretische Hindernisse im Wege stehen, scheint der Markt eine im Kern klare Vision im Sinn zu haben: Die aktuelle Entwicklung läuft nicht auf einen zerstörerischen Krieg, sondern auf eine pragmatische Anerkennung der Realität hinaus. Dazu gehört auch die Einsicht, dass Nordkorea ein eigenständiger und inzwischen atomwaffenfähiger Staat ist.

Auf dieser Basis könnte das aktuelle Drohgehabe beider Seiten nur den Auftakt eines Prozesses markiert haben, der letztlich zu einem multilateralen Abkommen führt (bis heute haben eine Reihe von Staaten keine diplomatischen Beziehungen mit Nordkorea, darunter die USA, Frankreich und Japan). Am Ende dieses Weges würden Nordkoreas Atomraketen im Austausch für eine de facto Regimeanerkennung und Absicherung entschärft – wenn auch wahrscheinlich nicht gänzlich abgeschafft werden. Im Anschluss wären auch eine verstärkte wirtschaftliche Integration und Investitionen in Nordkorea denkbar.

Als die Volksrepublik China die ersten Schritte in Richtung Öffnung und Reform setzte, erschien es schliesslich in mancher Hinsicht nicht weniger radikal und abgeschottet, als die Koreanische Demokratische Volksrepublik heute. Sollte sich die Realpolitik tatsächlich an allen Fronten durchsetzen, dann würden die Konsumenten rund um den Globus in zehn Jahren das heutige Getöse wohl längst vergessen haben. Stattdessen würden viele Menschen ihre nächsten Ferien am Fusse des legendären Paektusan buchen – womöglich auf einem Marken-Smartphone, welches günstig in einer nordkoreanischen Sonderwirtschaftszone hergestellt wurde.

 

Die LGT Experten analysieren die globale Markt- und Wirtschaftsentwicklung laufend: Ihre Meinungen zu internationalen Finanzmärkten, Branchen und Unternehmen finden Sie in unseren Research-Publikationen.

Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 29. September 2017 | Die Börsenblogger

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.