Rating-Agenturen: Die ersten Likes 

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Früher kannte Otto Normalverbraucher bloss die Ratings von Stiftung Warentest und Ratgeber-Zeitschriften. Heute kann man auf Online-Portalen praktisch alles, von der Musik-CD bis hin zum Akkuschrauber, selbst mit Sternen bewerten. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass neben dem persönlichen auch das Wohlergehen ganzer Volkswirtschaften an einem Rating hängen kann.

Die ersten Versuche, Anlegern eine Einschätzung der Bonität – also der Kreditwürdigkeit und -fähigkeit – von Wirtschaftsunternehmen zu bieten, startete Henry Varnum Poor bereits im Jahr 1868 mit seinem «Manual of the Railroads of he United States». Vierzig Jahre später systematisierte John Moody, der Gründer der Agentur Moody’s, diesen Ansatz. Die US-Regierung erkannte die Vorteile einer vertrauenswürdigen, unabhängigen Schuldnerbewertung. 1936 verpflichtete die US-Börsenaufsicht die Banken dazu, nur noch Anleihen herauszugeben und Forderungen zu übernehmen, die ein Mindestrating aufwiesen. 1975 legte sie dann fest, dass nur staatlich zugelassene Rating-Agenturen Unternehmen offiziell bewerten dürfen. Diese Bewertung ist für Unternehmen Voraussetzung, um am US-Kapitalmarkt überhaupt Mittel aufnehmen zu können. Sie benötigen dafür die Einschätzung von mindestens zwei der drei zugelassenen Rating-Agenturen – Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch Ratings.
Ratings gibt es sowohl für Anleihen von Unternehmen als auch für Staaten. Bewertet wird mit Codes: Deren Skala reicht (am Beispiel von Moody’s) von AAA für einen Schuldner mit einem vernachlässigbaren Ausfallrisiko über CCC-, wenn der Schuldner bereits in Zahlungsverzug ist, bis hin zu D für solche mit Zahlungsausfall.

Dass die Bewertungen der Rating-Agenturen den Anlegern eine mitunter trügerische Sicherheit vermitteln, weiss man nicht erst seit der Finanzkrise. So kam es immer wieder zu folgenschweren Fehleinschätzungen. Dem 1997 in Konkurs gegangenen Energiekonzern Enron bescheinigten die Rating-Agenturen noch wenige Tage vor der Insolvenz eine vorzügliche Bonität . Auch bei den Staatskrisen in Asien (1997) und Argentinien (2001) sowie der jüngsten Finanzkrise haben die Rating-Agenturen versagt. Eine Studie von Manfred Gärtner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen, zeigt ein weiteres Problem: Rating-Agenturen zeigen eine Krise nicht nur auf, sondern können diese sogar verschärfen. Wer einmal in den Strudel der Herabstufung gerate, komme nicht mehr heraus. Die reale wirtschaftliche Lage des Landes spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Doch selbst wenn immer wieder über Alternativen zu den Rating-Agenturen nachgedacht wird: Verzichten wird man auf ihre Einschätzung nicht. Schliesslich haben diese – das werden auch Kritiker zugeben – über Jahre hinweg überwiegend richtige Bonitätseinschätzungen geliefert. Letztlich sollten sich Investoren auch im eigenen Interesse nicht blindlings auf die Ratings verlassen. Man kauft ja auch privat ein neues Produkt nicht alleine deswegen, weil es von der Stiftung Warentest mit einem «Sehr gut» bewertet oder auf Facebook oft «geliked» wird.

Leselinks zum Thema Rating-Agenturen:
Der Spiegel berichtet über eine vielleicht nicht ganz uneigennützige Studie, welche die monopolartige Verflechtung der Rating-Agenturen kritisiert (17. August 2011), und die Zeit über den «deutschen Pionier», der sie brechen möchte (8.3.2012)

Das Handelsblatt weist darauf hin, dass sich die Asienkrise bis in die heutige Zeit auswirkt. (4. Mai 2010)

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