Rebalancing: Eine Krise muss nichts Schlechtes sein

Rebalancing: Eine Krise muss nichts Schlechtes sein 

Selten lagen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“ an den Finanzmärkten so nah beieinander wie im ersten Quartal dieses Jahres als der Coronavirus Turbulenzen auslöste. Noch nie zuvor sind die Aktienmärkte so schnell mehr als 20 Prozent abgestürzt – und das von einem Rekordhoch in einen Bärenmarkt. Noch nie zuvor gab es so viele Tage hintereinander, in denen sich der Aktienmarkt täglich um mehrere Prozente in die eine oder andere Richtung entwickelt hat.

Autor: Marcel Dillier, Co-Head Key Account Management LGT Capital Partners

„Lass niemals eine Krise ungenutzt verstreichen.“ Ob dieser Ausspruch wirklich vom britischen Staatsmann Winston Churchill gegen Ende des zweiten Weltkriegs stammt, ist umstritten. Wer immer es aber war: Recht hatte er. Denn eine Krise muss nichts Schlechtes sein. Sie ist vielmehr ein guter Qualitätstest für Anlageportfolios. Bei der Konzipierung und Verwaltung von Anlageportfolios geht es erfahrungsgemäss nicht nur um die Rendite, sondern auch darum, ob ein Markt-Crash weitgehend schadlos überstanden werden kann. So nützt es etwa wenig, wenn Investoren im Durchschnitt erfolgreich sind, aufgrund eines Absturzes an den Märkten aber zur Liquidation des Portfolios gezwungen werden, weil sie womöglich übermässig fremdfinanziert sind. Warren Buffet hat es pointiert formuliert: „Um erfolgreich zu sein, muss man zuerst überleben.“

In Krisen ist ein diszipliniertes, antizyklisches Rebalancing gefragt

In einer Krise sollte man vor lauter Unsicherheit aber auch nicht den Mut verlieren und tatenlos bleiben. So kann es Sinn machen, antizyklisch ein „Rebalancing“ vorzunehmen. Nach einer starken Korrektur kommt die Aufteilung des Portfolios durcheinander. Statt einer Aktienquote von beispielsweise 40% hat man plötzlich nur noch eine von 30%, weil die Aktien an Wert verloren haben. Dann sollte die Aktienquote wieder aufgestockt werden. Diszipliniertes Rebalancing führt dazu, dass man zu tiefen Aktienkursen kauft und zu hohen verkauft. Marktverwerfungen können zusätzlich als Kaufgelegenheit genutzt werden. Attraktive Einstiegspreise für vorübergehend unterbewertete Anlagen könnten die wenigen Anleger belohnen, die den Markt bei hohem Stress mit Liquidität versorgen, während alle anderen nur daran denken zu verkaufen.

Damit wir als LGT Capital Partners diese Chancen besser wahrnehmen können, haben wir nach der Finanzkrise 2008 ein regelbasiertes System eingeführt, das die Marktbewertung verschiedener Anlageklassen überwacht. Ferner haben wir auf Basis historischer Daten Auslöser definiert, die angeben, ob es rentabel wäre, auf diese Bewertungssignale zu reagieren. Unser regelbasiertes System hat während der Corona-Krise eine Reihe von wertorientierten Anlagechancen signalisiert, von denen wir bisher zwei umgesetzt haben. Wir haben im März das Gewicht in japanischen und europäischen Aktien erhöht.

Psychologische Fallen meiden

Das sind viele hilfreiche Tipps, aber wir alle wissen, dass es nicht immer einfach ist, ein Anlagekonzept inmitten einer Krise planmässig umzusetzen. Die Preise von Vermögensanlagen werden nämlich nicht nur durch Fundamentaldaten, sondern ebenso durch die Psychologie und die menschlichen Vorurteile der Investoren bestimmt. Eine dieser psychologischen Fallen ist der sogenannte „Rezenzeffekt“. Der Mensch neigt dazu, die jüngste Vergangenheit bei Zukunftsanalysen zu stark zu gewichten. Aus diesem Grund sind die jüngsten Informationen bei der Bewertung einer Situation stets die relevantesten, da man sich am leichtesten an diese erinnert. Demzufolge erstaunt nicht, wenn Anleger Aktien aufgrund der Ereignisse im Zusammenhang mit Covid-19 bewertet haben, obwohl diese für die meisten Unternehmen wahrscheinlich nicht von Dauer sind. Die grosse Kluft zwischen den kurz- und langfristigen Erwartungen verleitet manchen Investor zum „Market-Timing“. Das ist der Versuch, an den Märkten kurzfristig und im richtigen Zeitpunkt ein- und auszusteigen. In den meisten Fällen ist diese Strategie nicht von Erfolg gekrönt, die Anlagerendite wird sogar wegen der falschen Market-Timing-Entscheidungen und der Transaktionskosten geschmälert. Die Aktienmarktrenditen folgen nämlich der 80/20-Regel, die besagt, dass 20% der Ursachen meist 80% der Wirkung haben. Ein kleiner Teil der Aufwärtsbewegungen an den Aktienmärkten beeinflusst über einen längeren Zeithorizont betrachtet also den Grossteil des Resultats. Wenn Sie somit für einige dieser Tage wegen des Market-Timings nicht am Aktienmarkt waren, haben Sie einen grossen Teil der Erträge verpasst und konnten nicht von der Markterholung profitieren. Ein Beispiel dafür wäre die Phase der starken Erholung, die im April dieses Jahres eingesetzt und bis jetzt angehalten hat und die wohl nur wenige Marktteilnehmer so erwartet hätten.

Lassen Sie sich deshalb nicht von Emotionen und Vorurteilen leiten. Schauen Sie nicht ständig die Nachrichten und kontrollieren Sie nicht täglich Ihren Vermögensauszug. Winston Churchill hat es einmal mehr treffend auf den Punkt gebracht: „Keep calm and carry on.“ Eine gut konzipierte und vor allem konsequent verfolgte Anlagestrategie lässt Sie auch in schwierigen Zeiten Ihre „Ruhe bewahren und weitermachen“.

Investorama – Trends und Entwicklungen an den Finanzmärkten
In der vierteljährlichen Publikation Investorama analysieren wir Trends und Entwicklungen wie Multi-Asst-Portfolios, um unsere Kunden bei ihren Anlageentscheidungen optimal zu unterstützen. Ausgabe 3/2020

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