Regimewechsel in der Bank of Japan 

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Die Nominierung der neuen Führungsriege der Bank of Japan (BoJ) Anfang März hat die hohen Erwartungen der Anleger übertroffen. Viele Markteilnehmer hegen offenbar noch Restzweifel am «Regimewechsel» in Nippon. Trotz diverser langfristiger Risiken sollte die kurz- bis mittelfristige Wirksamkeit der Geldpolitik in einer grossen Volkswirtschaft mit erheblicher industrieller Substanz und sehr hohen Auslandsvermögen nicht unterschätzt werden.

Sorgfältige Vorbereitung und konsequente Umsetzung

Japans Premierminister Shinzo Abe, 58, soll sich seit geraumer Zeit in geld- und wirtschaftspolitischen Fragen von namhaften Ökonomen, darunter Yale-Professor Koichi Hamada, 77, und ehemaligen Notenbankern umfassend beraten lassen. Im November machte er die Geldpolitik zum zentralen Wahlkampfthema und errang einen Erdrutschsieg für sich und seine Partei, die konservative Liberaldemokratische Partei Japans. Im März gab Abe schliesslich die wichtigste Entscheidung auf dem Weg zur Umsetzung seiner wirtschaftspolitischen Pläne bekannt: Er nominierte Haruhiko Kuroda, 68, zum nächsten Gouverneur der BoJ. Professor Kikuo Iwata, 70, und Hiroshi Nakaso, 59, wurden als Vize-Gouverneure aufgestellt.

Geldpolitisch «radikale» Nominierung

Von den im Vorfeld diskutierten Möglichkeiten stellt diese Troika eine der ideologisch «radikaleren» Kombinationen dar. Zugleich ist sie politisch ausgeglichen und tragfähig. Sie kombiniert die Bereitschaft zu einer konsequent und gezielt expansiveren Geldpolitik mit diplomatischer Versiertheit, fachlicher Expertise, politischer Erfahrung und institutioneller Kontinuität. Konkret erscheinen folgende Punkte erwähnenswert:

  • Kuroda studierte an Eliteuniversitäten in Tokio (Rechtswissenschaften) und Oxford (Wirtschaftsphilosophie) und war von 1999 bis 2003 Vize-Finanzminister für Währungspolitik. Als Präsident der Asiatischen Entwicklungsbank ist er insbesondere im asiatischen Ausland angesehen und spricht zudem fliessend Englisch – ein wichtiges Detail («Abenomics»-Befürworter betonten immer wieder die herausragende Rolle kommunikativer Fähigkeiten an der BoJ-Spitze). Kuroda zählt seit Jahren zu den Kritikern der bisherigen Grundhaltung der BoJ, die stets argumentierte, dass die Geldpolitik bei der Deflationsbekämpfung letztlich machtlos sei und (nicht nur) damit auch die eigenen Bemühungen ad absurdum führte. Kuroda wiederholte hingegen kürzlich öffentlich, dass Japan über viele Instrumente zur Überwindung der Deflation verfüge – beispielsweise könne die Notenbank «Vermögenswerte im Umfang von Billionen von US-Dollar» kaufen. Seine langjährige Position als Notenbankkritiker macht Kuroda zum glaubwürdigen Repräsentanten des Regimewechsels. Gleichzeitig ist er im Vergleich zu den reinen Akademikern im In- und Ausland politisch besser etabliert und bekannt. Erstmals seit Einführung des Gesetzes zur Unabhängigkeit der Notenbank 1998 übernimmt zudem wieder ein ehemaliger Beamter des Finanzministeriums die Führung der BoJ.
  • Iwata ist Professor an der japanischen Universität Gakushuin und zählt ebenfalls zu den langjährigen Kritikern des bisherigen Kurses der BoJ. Er befürwortet selbst Käufe ausländischer Staatsanleihen und fordert eine stärkere Verantwortlichkeit der Notenbank in Bezug auf die Erreichung der definierten Ziele: BoJ-Gouverneure sollen zukünftig zurücktreten müssen, falls sie das Inflationsziel nicht erreichen – ein umstrittener Vorschlag (Stichwort «Unabhängigkeit der Notenbank»).
  • Nakaso ist bereits Vize-Gouverneur für internationale Angelegenheiten und damit der einzige, der aus der BoJ kommt und somit für eine gewisse Kontinuität sorgen kann. Seine Nominierung wurde in fast allen Troika-Szenarien prognostiziert.
  • Ein umstrittenes Thema dürfte allerdings (vorerst) vom Tisch sein: Der während des Wahlkampfs ins Spiel gebrachte Vorschlag, mit «frischem» Notenbankgeld insbesondere Staatsanleihen von Euro-Staaten aufzukaufen, stiess im Vorfeld der jüngsten G7-/G20-Treffen erwartungsgemäss auf Widerstand (als Versuch der direkten Einflussnahme auf den Yen-Wechselkurs).

Keine grossen Hürden im Parlament

Im Parlament dürfte die Bestätigung der Troika auf keine grossen Hürden stossen. Im Unterhaus verfügt die Regierung über eine Zweidrittelmehrheit. Im Oberhaus ist dies zwar nicht der Fall, aber die innenpolitische Dynamik gibt Abe derzeit starken Rückenwind:

  • So konnte sein schuldenfinanziertes Konjunkturpaket kürzlich das Oberhaus mit knapper Mehrheit passieren, obwohl die Regierung dort in der Minderheit ist – ein Teil der Opposition ist in den populären Sog von «Abenomics» geraten.
  • Die grösste Oppositionspartei DPJ dürfte u.a. zwecks Profilierung im Vorfeld der Oberhauswahlen im Sommer durchaus einige Kritikpunkte anbringen. Wie weit die DPJ dabei aber gehen wird, darf bezweifelt werden. Immerhin hat sie als Regierungspartei die letzten Jahre selbst (mit dürftigem Erfolg) versucht, ihren Einfluss auf die BoJ zu erhöhen.
  • Abe geniesst sehr hohe und steigende Umfragewerte – das gelang bisher nur vier Regierungschefs (Shigeru Yoshida in den 1950ern, Yasuhiro Nakasone in den 1980ern und Junichiro Koizumi in den 2000ern). Sie waren auch die einzigen Premiers, die mehr als eine Legislaturperiode lang im Amt blieben und sich dank ihrer breiten Popularität gegen diverse Interessensgruppen immer wieder durchsetzen konnten. Die letzten Umfragen geben Abe jedenfalls Unterstützungswerte von 70 Prozent – normalerweise stürzen japanische Premier 100 Tage nach Amtsübernahme auf 20-30 Prozent ab.

Performance ausgewählter Aktienmärkte 2012 und in den vergangenen sechs Monaten in Lokalwährung

 

Daten per 28. März 2013. Quelle: Bloomberg
Anmerkung: Der Yen hat im Laufe von 2012 rund 11 Prozent und in den letzten sechs Monaten um 17 Prozent gegenüber dem US Dollar abgewertet. Damit sind die am Aktienmarkt erzielten Kursgewinne gut doppelt so gross wie das Ausmass der Abwertung der Währung. Grundsätzlich können (und sollten) internationale Anleger bei Investitionen in ausländischen Aktienmärkte das Währungsrisiko absichern. Die Entwicklung der Aktienmärkte sollte aus Anlagesicht auf jeden Fall separat von der Währung betrachtet werden.

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