Reinigendes Gewitter – die Krise als Chance für Griechenland und die Eurozone?

Reinigendes Gewitter – die Krise als Chance für Griechenland und die Eurozone? 

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Nach monatelangen mühsamen Verhandlungen hat es die junge griechische Regierung nicht geschafft, einen – wenn auch äusserst schmerzhaften – Kompromiss mit ihren Gläubigern einzugehen. Die Fortsetzung des Hilfsprogramms und damit das finanzielle Überleben Griechenlands stehen weiterhin auf dem Spiel.

Jetzt wird das Land – hauptsächlich durch die Unfähigkeit seiner politischen Führung, konstruktiv mit den Partnern eine realistische und zukunftsorientierte Lösung zu erarbeiten – endgültig zurück in die harte Realität katapultiert. Die Europäische Union ist kein Wohltätigkeitsverein und zur europäischen Solidarität gehört immer auch die Einhaltung gemeinsamer Verpflichtungen.

Zurück auf dem Boden der Realität

Anders als vielleicht noch vor ein paar Jahren, als die globale Wirtschaft durch die Finanzkrise in den Grundfesten erschüttert wurde und Länder wie Spanien, Portugal oder Irland fast in den Abgrund gerissen wurden, dürfte heute ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro nicht mehr die befürchteten systemrelevanten Konsequenzen haben. Die Länder des Euroraums sind inzwischen weitgehend immun gegen die Ansteckungsgefahr aus der Ägäis. Langfristig könnte die Hellaskrise sogar wie ein reinigendes Gewitter auf die Eurozone wirken, da den Mitgliedsstaaten klar vor Augen geführt wird, dass sich jedes Land das Privileg einer harten und soliden Währung verdienen muss und eine Mitgliedschaft aufgrund fundamental ökonomischer Fakten gerechtfertigt sein muss. Griechenland hat diese Kriterien eigentlich nie erfüllt, wobei hierbei die Fehler sicherlich nicht nur in Athen zu suchen sind, sondern tatsächlich auf gesamteuropäischer Ebene. Trotzdem steht jedes Euroland selbst in der Verantwortung. Kein einzelnes Mitglied sollte der gesamten Eurozone einen bestimmten Kurs aufzwingen können. Andere Länder, wie eben Portugal und Irland, haben um die Mitgliedschaft im Euro gekämpft und bewiesen, dass sie die Fähigkeit besitzen, eine Krise, zwar mit externer Hilfe aber doch hauptsächlich aus eigener Kraft, zu meistern. Die griechische Bevölkerung büsst jetzt für die jahrzehntelangen Sünden demokratisch gewählter, aber unfähiger Regierungen. Die von der Politik verteilten Geschenke, wie unrealistische Frühpensionierungen oder garantierte Staatsanstellungen, wurden von allen Beteiligten unkritisch entgegengenommen. Das Land lebte damit – mit stiller Duldung der Bevölkerung und weit über seine Verhältnisse.

Durch die Krise gestärkter Euro

Die Europäische Union und das Projekt Eurozone tun meines Erachtens gut daran, sich nicht länger auf eine quasi Haftungsunion einzulassen, sondern sollten sich vielmehr darauf fokussieren, die Währungsunion solide zu halten, um ihre Überlebensfähigkeit für die Zukunft sicherzustellen. Die Eurogruppe betonte denn auch nach den gescheiterten Marathonverhandlungen, dass die Währungsunion dank der seit der Finanzkrise ergriffenen Reform- und Konsolidierungsmassnahmen sowie des Euro-Krisenfonds nun in einer klar stärkeren Position ist als noch während der Finanzkrise. Es würden alle verfügbaren Instrumente genutzt, um die Integrität und Stabilität des Euroraums zu bewahren. Die Griechenlandkrise kann also mit oder ohne «Grexit» wie ein reinigendes Gewitter wirken, weil sie mittelfristig für den Euro eine stabilisierende Wirkung hat, und so auf lange Sicht hinaus – auch für Griechenland – wieder die Sonne scheinen kann. Meiner Meinung nach können der Euro als Währung und die Eurozone als zukunftsorientiertes Gebilde gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Griechenland ist und bleibt ein Teil Europas und vielleicht sogar der Eurozone, jedoch muss sich das Land selbst beweisen und sich vielleicht auch neu erfinden, um in einer höchst kompetitiven und globalisierten Wirtschaftswelt bestehen zu können.

Leselinks:

  • Mit der strukturellen Überlebensfähigkeit der Eurozone beschäftigt sich Mark Dittli auf NeverMindTheMarkets (26.06.2015): Die Ursünde der Eurozone
  • Arne Kuster vom Blog Wirtschaftswurm beschäftigt sich ebenfalls mit der jahrelangen Misere und einem Exit-Szenario aus dem Dilemma 16.06.2015): Griechenland: Grexit statt Dauer-Notstandsgebiet
  • Urs Birchler vom Schweizer Blog Batz beleuchtet die komplexen rechtlichen Hintergründe eines Grexit und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis (06.06.2015): Nix Grexit!
Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 3. Juli 2015 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 5. Juli | Pipsologie

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