Sind Irrationalität und Intransparenz gut für Renditen? Ein Gedankenexperiment

Sind Irrationalität und Intransparenz gut für Renditen? Ein Gedankenexperiment 

Der Trend zu Big Data und Softwares, die auf Rationalitätsmustern basierend Investoren bei Entscheidungen unterstützen sollen, lässt die Illusion entstehen, dass vollständiges Wissen und Rationalität zu maximalen Renditen führen. Was, wenn das nicht so ist?

Stellen wir uns einen Markt M vor, wo alle Investoren Zugang zur vollständigen Information über die wirtschaftlichen Bedingungen haben und wo alle Investoren eine Investitionsmöglichkeit mit einem Rationalitätsalgorithmus analysieren können, der irgendwie die Quintessenz von «Homo Oeconomicus» mit allen seinen bekannten Behavioral Biases abbildet und der die einzelnen Situationen der Investoren (Risiko-Präferenzen, kontingente Faktoren, usw.) berücksichtigt. In diesem Markt wäre die Marktentwicklung quasi-deterministisch: Bei vollständiger Kenntnis über die wirtschaftlichen Bedingungen wird die Marktentwicklung von der Rationalität der Investoren, d.h. vom «Homo Oeconomicus»-Algorithmus bestimmt – nur die wirtschaftlichen Bedingungen verfolgen einen nicht voraussagbaren Pfad.

Mit Rationalität und Transparenz zur höheren Rendite?

Diesem Gedankenexperiment liegen also zwei «homogenisierende» Annahmen zugrunde:

  1. Vollständige Information: Alle Investoren haben zum Zeitpunkt T Zugang zu allen Daten über die wirtschaftliche Lage.
  2. Vollständige Rationalität: Alle Investoren wenden dasselbe ökonomisches Rationalitätsmuster an.

Diese zwei Annahmen spiegeln aktuelle Bestrebungen in der Finanzbranche wider: Investoren streben an, so viele Daten wie möglich zur Verfügung zu haben (Trend zu Big Data). Zudem werden Softwares eingeführt, die auf rationalen Entscheidungsmustern basieren und Investoren in ihren Entscheidungen unterstützen sollen.

Nehmen wir nun weiterhin an, dass es möglich wäre, die Marktentwicklung, d.h. die Rendite R von einem solchen Markt M über einen Zeitraum zu bestimmen, indem die Entscheidungen jedes einzelnen Investors basierend auf vollständiger Information und dem «Homo Oeconomicus»-Algorithmus von einem Rechner festgelegt werden. Die gesamte Menge der Entscheidungen würde dann aggregiert und daraus könnte man die Marktentwicklung berechnen. Die spannende Frage wäre: Inwiefern wäre R anders als die Rendite r des aktuellen Marktes, wie wir ihn kennen, d.h. eines Marktes, wo Information nur partiell den Investoren zugänglich ist und wo nicht alle Entscheidungen dem Polarstern der Rationalität folgen?

Die Antithese wäre fatal

Wir können diese Frage – zumindest empirisch – nicht beantworten. Doch zwei von drei möglichen Antworten – und zwar:  R < r und R = r – wären ziemlich erschütternd: Vollständige Information und Rationalität würden kaum für eine bessere Markt-Rendite sorgen, höchstens für eine gleiche Rendite wie jene des «normalen» Marktes oder gar eine schlechtere. Das würde die Investoren stark beunruhigen, da die Annahme weit verbreitet ist, dass mehr Daten und Rationalität im Anlagegeschäft zu besseren Entscheidungen führen.

Wie wäre es, wenn man herausfinden würde, dass mehr Daten und Rationalität im Markt zu einer tieferen Rendite führen – oder, anders gesagt, Investoren geniessen höhere Renditen in einem intransparenteren und irrationaleren Markt? Die Antwort auf diese Frage ist auch im Gedankenexperiment unmöglich – die Investoren dürfte das aber nicht stören, da sie so kein Risiko eingehen, dass ihre Grundannahmen sich als Illusion entpuppen könnten.

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