Finanzielle Repression: Wundermittel gegen eine hohe Staatsverschuldung?

Finanzielle Repression: Wundermittel gegen eine hohe Staatsverschuldung? 

Der weltweit rasante Anstieg an öffentlichen Schulden ist besorgniserregend und wird uns noch länger begleiten. Finanzielle Repression versucht dem entgegenzuwirken.

Die Schuldenquoten der Industrienationen sind in Folge der globalen Finanzkrise und verstärkt durch die Corona-Krise massiv angewachsen. Gemäss dem Institute of International Finance (IIF) hat die globale Verschuldung im dritten Quartal 2020 einen neuen Höchststand von USD 272 Billionen erreicht, das sind 365% des globalen BIPs. Haupttreiber war erneut eine steigende Staatsverschuldung mit dem grössten Zuwachs in Kanada, Japan, USA, Grossbritannien und Spanien. Das Tempo der weltweiten Schuldenakkumulation über die letzten Jahre ist rasant und es besteht erhebliche Unsicherheit, wie die Weltwirtschaft diese Schulden zukünftig bewältigt.

Globale Verschuldung:

Chart 1: Global debt topped $272 trillion in Q3 2020; Source: Intellinews

Grundsätzlich gibt es eine Reihe von Methoden, Staatsschulden abzubauen. Die wohl beste Möglichkeit sind steigende Staatseinnahmen durch Wirtschaftswachstum. Die Wachstumsaussichten sind aber in vielen Industrieländern aufgrund fehlendem Produktivitätsanstieg und schlechter Demografie stark getrübt. Weit weniger populäre aber realistischere Alternativen sind strikte Sparmassnahmen, eine überraschende Inflationierung oder ein Schuldenausfall. Ein etwas differenzierter Ansatz bietet der Schuldenabbau über eine Finanzielle Repression.

Die Kunst der Schuldenbekämpfung

Der Begriff «Finanzielle Repression» geht auf die US-Ökonomen Edward S. Shaw und Ronald I. McKinnon zurück. Sie verstehen darunter staatliche Massnahmen zur Regulierung der Märkte und zur effektiven Bekämpfung von Staatsschulden. Die dazu notwendigen Instrumente lassen sich in die folgenden Gruppen unterteilen:

  • Direkte oder indirekte Deckelung der Zinssätze (z.B. auf Staatsanleihen)
  • Kapitalverkehrskontrollen oder andere Massnahmen, die Investitionsentscheidungen zugunsten des heimischen Kapitalmarkts beeinflussen
  • Steuern, die Anlageinstrumente verteuern, die als Alternative zur Investition in Schuldverschreibungen staatlicher Emittenten dienen
  • Massnahmen, die den direkten oder indirekten staatlichen Einfluss auf den Finanzsektor erhöhen

Viele dieser Massnahmen werden bereits angewendet. Einige Volkswirtschaften überfluten ihre Banken mit Liquidität, welche in den Kauf von Staatsanleihen fliesst. Andere erlassen regulatorische Massnahmen, welche das Halten von Staatsanleihen begünstigen. In den meisten Fällen handelt es sich jedoch um Instrumente zur direkten oder indirekten Deckelung der Zinssätze. Die US-Fed hat beispielsweise bei ihrem letzten Treffen die kurzfristigen Zinssätze nahe Null gesenkt und wird diese erst erhöhen, wenn die Inflation über 2% steigt. Und damit ist sie keine Ausnahme. Die EZB verspricht weitere Unterstützungsmassnahmen und die japanische Notenbank hält an ihrer ultralockeren Zinspolitik fest. Während die erklärten Ziele und Massnahmen der einzelnen Notenbanken leicht abweichen, ist das Ziel dasselbe. Die Zinssätze tief zu halten.

Nominalverzinsung von Staatsanleihen (in %):

Chart 2: Nominal Government Bond Yields (%); Source: LGT Capital Partners, Bloomberg

Für eine nachhaltige Bekämpfung der Staatsschulden mithilfe der Finanziellen Repression müssen die nominalen Zinsen nämlich möglichst tief sein. Idealerweise unter der Inflationsrate, so dass die Schulden real negativ verzinst und ein schleichender Schuldenabbau stattfinden kann. Ein negatives Realzinsniveau hilft, die durch die Finanzkrise und Corona-Krise aufgebauten Staatsschulden der letzten Jahre leichter zu tragen.

Gefahr einer Niedrigzinsfalle

Umgekehrt gibt es aber auch Nachteile einer finanziellen Repression. Sie benachteiligt Sparer und begünstigt Schuldner. Die Verlierer sind die privaten Haushalte, die Renten- und Versicherungsnehmer, welche die niedrigen Schuldzinse der Regierung finanzieren und weniger Rendite auf dem Ersparten verdienen. Es besteht die Gefahr vom sogenannten «Sparparadoxon» – die privaten Haushalte sparen mehr, um trotz tieferer Zinsen gleich viel Einkommen zu erzielen. Die Folge ist ein Konsumrückgang mit negativen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen. Andererseits leiden auch die Finanzinstitute wie Banken, die Staatsanleihen halten. Die tiefen Zinsen führen zu niedrigen Anleihen Renditen, geringeren Zinsspannen und schlussendlich zu sinkenden Bankerträgen.

Das tiefe Zinsniveau hat aber auch negative Auswirkungen auf die gesamte Finanzmarktstabilität. Die niedrigen Renditen der Staatsanleihen treiben Investoren in risikoreichere Anlageklassen – es kommt zu einem sogenannten «Search for Yield» und die Gefahr von Preisblasen steigt. Zudem führt finanzielle Repression oft zu steigender Inflation mit negativen Auswirkungen auf den Preismechanismus sowie die Ressourcenallokation.

Finanzielle Repression: Trügerische Lösung

Die Kosten der hohen Staatsverschuldung sind also für viele Marktteilnehmer bereits spürbar und werden die Weltwirtschaft noch lange beschäftigen. Die Finanzielle Repression ist vielleicht die beste Lösung, um die Staatsfinanzen wieder in den Griff zu bekommen, aber es ist definitiv kein Wundermittel und ist mit hohen Kosten verbunden. Die Gefahren für die Gesamtwirtschaft und die negativen Auswirkungen auf die Sparer sind offensichtlich. Sparer erleiden einen schleichenden Verlust auf Kosten des Staates. Oder wie es in der Bibel steht: «Mancher teilt freigebig aus und bekommt immer mehr; ein anderer spart selbst an dem, was sich gebührt, und wird doch ärmer». So weit darf es auch im 21. Jahrhundert nicht kommen. Ein zukünftig verantwortungsvollerer Umgang mit den Staatsfinanzen ist Voraussetzung dafür. 

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