Vermögensanlage: When the Going Gets Tough – Was tun in schwierigen Zeiten?

Vermögensanlage: When the Going Gets Tough – Was tun in schwierigen Zeiten? 

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In der Pokervariante Texas Hold’um kann es sich auszahlen, alles auf eine Karte zu setzen und «all in» zu gehen, wenn das richtige Blatt kommt. Doch auch wenn die Wahrscheinlichkeit hoch sein mag, das beste Blatt zu haben, bleibt das Risiko bestehen, von einem anderen Spieler übertrumpft zu werden und das eingesetzte Kapital vollständig zu verlieren.

Auch Anleger sind manchmal versucht, den Grundsatz der Diversifikation über Bord zu werfen. Überverkaufte Märkte, Panik und Angst unter den Anlegern oder hohe Abschläge in den Bewertungen können Anleger dazu verführen, alles auf eine Karte setzen – zum Beispiel auf Aktien. Dann mag es plötzlich verlockend sein, für einen erwarteten, hohen Gewinn, das Risiko eines weiteren Verlusts einzugehen – man hält als Anleger schliesslich ein starkes Blatt in der Hand.

Das grösste Risiko: Falsches Risikoverhalten

Der grösste Fehler jedoch, den ein Anleger begehen kann, ist der, mit jedem «Blatt» immer «all in» zu sein – unabhängig von der Marktsituation. In der Vermögensanlage beschreibt der Begriff «Risiko» nämlich den Betrag, den man als Anleger verliert, wenn man falsch liegt und nicht falls man falsch liegt. Denn niemand liegt immer richtig.

Um diesen Fehler zu vermeiden, sollten Anleger zwei Dinge beachten: Erstens sollten sie eine grundlegende, strategische Vermögensaufteilung bestimmen, und zwar entsprechend dem Risiko, dass sie schlimmstenfalls in Kauf nehmen möchten bzw. können. Und zweitens sollten sie eine genaue Vorstellung davon haben, wie das Anlagerisiko gemanagt werden soll. Das Risikomanagement besteht zu einem grossen Teil aus einer rigiden (Selbst-) Disziplin in Bezug auf den Verkauf von nicht performenden Positionen im Portfolio.

Was sollen Anleger tun, wenn die Volatilität in Zeiten zunehmender Unsicherheit steigt? Die spontane Reaktion wird dahin gehen, risikotragende Vermögenskategorien zu reduzieren und möglicherweise den Cash-Anteil im Portfolio bis auf 100 Prozent zu erhöhen. Aber ist dies die bestmögliche Lösung?

Denn was, wenn ein etwaiger Taucher an den Aktienmärkten nur von kurzer Dauer ist? Verkaufe ich dann vielleicht auf dem Tiefpunkt und verpasse die Gegenbewegung? Was, wenn die erste Marktreaktion übertrieben war oder sich gar als gänzlich unbegründet herausstellt? Hinzu kommt, dass sich Bewegungen auf dem Aktienmarkt nicht notwendigerweise in anderen risikobehafteten Anlageklassen wie zum Beispiel Rohstoffen, Immobilien, Hedgefonds usw. widerspiegeln. So können gerade Hedgefonds von Turbulenzen auf dem Aktienmarkt profitieren.

Kurz, der reflexartige, spontane Verkauf entspricht nicht der Besinnung auf eine grundlegende Anlagestrategie, sondern ist Ausdruck emotionalen Handelns. Wer sein Verhalten als Anleger an einem systematischen Ansatz ausrichtet und sein Portfolio auf einer strategischen Vermögensaufteilung aufbaut, wird in Phasen erhöhter Marktunsicherheit die Abweichungen des tatsächlichen Portfolios von der strategischen Vermögensaufteilung zurückfahren. Das heisst, er wird seine aktiven Über- und Untergewichtungen im Extremfall vollständig reduzieren und das tatsächliche Portfolio der strategischen Vermögensaufteilung angleichen.

Geduld als Erfolgsfaktor

Der Rückbesinnung auf die Anlagestrategie liegt eine Tugend zugrunde, die grossen Einfluss auf den langfristigen Anlageerfolg hat: Geduld. Kein Anlagegrundsatz liefert zu jeder Zeit eine attraktive (Out-) Performance. Aber wer sich in schwierigen Zeiten darauf besinnt, dass er grundsätzliche Anlageentscheidungen, wie beispielsweise die Definition seiner Strategie, aus gutem Grund getroffen hat, wird mit Phasen besser umgehen können, in denen die Performance seiner Anlagen hinter denen anderer zurückbleibt.

So nahm Warren Buffett Ende der 1990er Jahre eine längere Underperformance seines Portfolios in Kauf. Er investierte damals kaum in Technologiefirmen, weil er deren Bewertungen für ungerechtfertigt hielt und ihre Tätigkeitsfelder zum Teil nicht verstand. Dass sich dies bereits am Anfang dieses Jahrtausends auszahlte, ist hinlänglich bekannt. Ähnliches mag derzeit auf Schwellenländeranlagen zutreffen, die eine längere Schwächephase durchlaufen haben. Anleger, die aus diesen Märkten ausgestiegen sind, vergessen gerne, dass die makroökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen in Schwellenländern nach wie vor ein höheres Wirtschaftswachstum als in entwickelten Ländern zulassen und sie deshalb Gefahr laufen, den nächsten Aufschwung zu verpassen.

Ein erfolgreicher Anleger setzt also nicht darauf, eine einzelne Hand zu gewinnen. Sein Ziel ist es, bis zum Schluss am Tisch zu bleiben. Und selbst wenn ihm beispielsweise der Brexit kurzzeitig einen Schreck versetzt hat, kann er die zum Teil hysterischen Marktreaktionen im Vertrauen auf seine langfristige Anlagestrategie vergleichsweise ruhig verfolgen.

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Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 8. Juli 2016 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 10. Juli | Pipsologie

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