Robert C. Merton: Können Finanzgenies irren?

Robert C. Merton: Können Finanzgenies irren? 

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Morgen, am 31. Juli, wird der Wirtschaftsnobelpreisträger fünfundsiebzig Jahre alt.

In den 1980er-Jahren tauchte an der Wallstreet ein neuer Typus Banker auf: Quants oder Eggheads, also Eierköpfe, nannten traditionelle Investmentbanker die Wissenschaftler, die sie in zunehmender Zahl von den Universitäten abwarben. Oft waren dies hochbegabte Mathematiker, Ökonomen und Physiker. Mit ihren quantitativen Modellen und Algorhythmen revolutionierten sie die Finanzmärkte und ebneten den Weg für die heutigen computerbasierten Anlage- und Handelsstrategien.

Einer dieser Eierköpfe war Robert C. Merton, ein brillanter junger Ökonom aus New York, der ursprünglich angewandte Mathematik studiert hatte und seit seiner Jugend an Geld- und Finanzfragen interessiert war. Mit acht Jahren hatte er bereits ein Haushaltsbudget für seine Mutter erstellt, mit elf seine erste Aktie gekauft. Während seines Master-Studiums ging er jeweils frühmorgens vor Studienbeginn zu seinem Broker, um mit Aktien, Wandelanleihen und Optionen zu handeln. Nach seiner Promotion wurde Merton 1970 Dozent am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort traf er andere Eggheads, unter ihnen Myron Scholes und Fischer Black, mit denen er eine neue Methode zur Bewertung von Aktienoptionen entwickelte. Dieses als Black-Scholes berühmt gewordene Modell lieferte erstmals eine Formel, um den Wert von Optionen mathematisch zu berechnen und ermöglichte damit den bis heute anhaltenden Aufschwung dieser Finanzinstrumente.

1994 gründete John W. Meriwether, in Ungnade gefallener ehemaliger Leiter des Bondhandels einer grossen Investmentbank, einen neuartigen Hedge-Fund. Er nannte diesen Long-Term Capital Management, kurz LTCM. Als Partner holte er Merton und Scholes an Bord. Die Idee war, den Fonds auf der Basis mathematischer Algorhythmen wie der Black-Scholes-Formel zu managen. In den Anfangsjahren war der Fonds tatsächlich überdurchschnittlich erfolgreich und bei Grossinvestoren und Banken heiss begehrt. Dies erst recht, als 1997 Merton und Scholes den Nobelpreis für ihr Optionspreismodell erhielten. Der grösstenteils mit Bankkrediten finanzierte Fonds wuchs auf ein Volumen, das ihn zur potentiellen Bedrohung für das ganze Finanzsystem machte. Im Herbst 1998, nur ein Jahr nach der Verleihung des Nobelpreises an die beiden Mitgründer, verzeichnete LTCM im Gefolge der Asien- und Russlandkrise riesige Verluste, die das Überleben des Hedge-Funds in Frage stellten. Um einen Zusammenbruch der weltweiten Finanzmärkte zu verhindern, musste schliesslich mit Hilfe der US-Notenbank ein Milliarden-Rettungspaket geschnürt werden.

Ob die Modelle und Algorhythmen am Fall von LTCM schuld waren oder einfach schlechtes Risikomanagement, ist bis heute umstritten. Dem Image Mertons hat diese Episode zumindest kaum geschadet. Er lehrte bis 2010 an der Harvard University und kehrte dann als hochdekorierter Professor an das MIT zurück. Die Finanzkrise habe gezeigt, dass es immer wichtiger werde, komplizierte Finanzinstrumente und -modelle zu verstehen, meinte er 2010 in einem Interview. Keine Bank könne ohne diese auskommen und es gehe einfach darum, sie richtig anzuwenden.

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