Robin Hood oder die Kulturgeschichte des Lösegeldes

Robin Hood oder die Kulturgeschichte des Lösegeldes 

Lösegeld zu fordern ist ein Verbrechen – und dennoch ist es ein gebräuchliches Instrument von Räubern wie Herrschern quer durch die menschliche Geschichte gewesen.

Gute Manieren öffnen viele Türen – für Richard Löwenherz, den legendären Kreuzfahrer und englischen König, waren sie leider auch der Schlüssel zu einem österreichischen Kerker. Richard war auf dem Heimweg nach England, um die wachsenden Unruhen einzudämmen, die seine jahrelange Abwesenheit während seines Kreuzzuges hervorgerufen hatte. Um das verfeindete Frankreich möglichst schnell zu umgehen, verkleidete er sich als Pilger aus dem Heiligen Land und versuchte, von Italien über Österreich auf die britischen Inseln zu gelangen.

Die Mutter aller Lösegeldzahlungen

Der Legende nach verrieten ihn seine guten Manieren bei der Rast im österreichischen Erdberg nahe Wien. Der österreichische Herzog Leopold V. setzte den königlichen Kreuzfahrer fest, musste ihn aber wegen des Standesunterschiedes an Heinrich VI., den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation überstellen. In langwierigen Verhandlungen einigten sich Kaiser und Herzog auf einen gemeinsamen Forderungskatalog an England, inklusive eines sagenhaften Lösegeldes. Leider lehnte Johann Ohneland, der Bruder Richards, die Auslöseforderung mit Verweis auf finanzielle Unpässlichkeiten ab – sodass die beiden adeligen Lösegelderpresser gezwungen waren, den Forderungskatalog dem französischen König anzubieten, der Richard Löwenherz nur zu gerne in französischer Haft gesehen hätte. Er war der eigentliche Gegenspieler der englischen Königstreuen, allen voran des legendären Robin Hood. Der mystische Rebell scheint allerdings mehr Ikone eines aufkommenden englischen Nationalgefühls zu sein, denn den Löwenanteil des Lösegelds steuerte Richards Mutter Eleonore von Aquitanien bei.

Bewährte Praxis: Lösegeld hat Tradition

Dass die Erpressung von Lösegeld auch einfach geht, zeigt die übliche Praxis in der Antike: Das Entführen und Auslösen prominenter Zeitgenossen war im römischen Reich so verbreitet, dass sich regelrechte Konventionen zur Behandlung der Festgesetzten und zu Zahlungsmodalitäten entwickelten. Selbst Julius Cäsar wurde Opfer einer Entführung durch Piraten und musste von seiner Familie freigekauft werden. Cäsar überführte das für ihn gezahlte Lösegeld allerdings postwendend mit einem Überfall seiner Galeeren wieder in Familienbesitz.

Atahualpa wird gefangengenommen (Stich von Pierre Duflos, entstanden zwischen 1760 und 1810)

Atahualpa wird gefangengenommen

Den Weltrekord im Lösegelderpressen dürfte der spanische Eroberer Francisco Pizarro halten, der als erste Maßnahme christlicher Politik in der Neuen Welt den Inka-Herrscher Atahualpa als Geisel nahm und unvorstellbare Mengen an Gold und Edelsteinen erpresste – freilich ohne jemals die Gegenleistung an seine heidnischen Vertragspartner auszulösen.

Noch vor 30 Jahren zahlten westliche Staaten grössere Geldbeträge, um inhaftierte Dissidenten aus den Staaten des damaligen Ostblocks frei zu kaufen. Zwischen den beiden deutschen Staaten existierten sogar regelrechte Preislisten für das Auslösen von Inhaftierten. Die Geschichte des Lösegeldes zeigt: Es ist so populär wie gefährlich, weil es nicht nur Schuld ausgleicht, sondern immer neue schafft.

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