Robo Advisory: Die Vertrauensfrage zwischen Mensch und Maschine

Robo Advisory: Die Vertrauensfrage zwischen Mensch und Maschine 

Science-Fiction-Autoren könnten demnächst zur Umschulung gezwungen sein, denn ihre Zukunftsfantasien werden immer häufiger von der Gegenwart eingeholt. Auch im Bankwesen erobern Roboter und Avatare immer weitere menschliche Domänen – neuerdings sogar in der Kundenberatung.

Der neue Weltmeister im chinesischen Go-Spiel, dem komplexesten und anspruchsvollsten aller Strategiespiele, ist eine Maschine. Kürzlich schlug eine Software von Google den amtierenden Weltmeister Lee Sedol mit Leichtigkeit in einem Spiel, das auf Grund seines taktischen Anspruchs als «Schach der Meister» und immerwährende menschliche Domäne gegolten hatte. Der Google-Champion Alpha Go spielte dabei nicht nur seinen Algorithmus herunter. Er beobachtete das Verhalten seines menschlichen Konkurrenten, verglich es mit Millionen anderer Partien und lernte an dessen Spielweise.

Denkende, lernende, teils sogar sympathische Maschinen dringen auch in der Finanzwelt in immer neue Bereiche vor. Vor allem Startup-Unternehmen aus der Fintech-Szene nutzen inzwischen das so genannte Robo-Advising, also die Einbindung von intelligenten Tools und Robotern, auch in der Kundenberatung. Interaktive Sprachanwendungen oder smarte Eingabemasken ermitteln Anlageziele eines Kunden und errechnen in wenigen Millisekunden ein individuelles Portfolio. Auch mit kleineren Beträgen ist mit Roboter-Beratern der Aufbau eines komplexeren Portfolios möglich. Meist übernimmt das Smartphone für die überwiegend internet-affine junge Kundschaft die Anlageverwaltung und kontinuierliche Ausbalancierung des maschinellen Portfolios. Die Beratungsroboter haben für Anleger und Anbieter vor allem Rationalisierungsvorteile: Je geringer der Faktor Mensch, desto günstiger die Gebührenstruktur und desto niedriger die Einstiegshürden für Neulinge und Kleininvestoren. Doch dieser Verzicht offenbart auch ihre entscheidenden Nachteile und Grenzen der «Mouseclick-Beratung»: Sie ist zwar nach Rechenleistung nicht zu schlagen, muss aber auf relativ starre Regeln setzen und kann (derzeit) nur ein Standardrepertoire an Individualität bedienen.

Hier liegt die Domäne, in der die persönliche Beratung nicht ersetzbar ist: Beratungsqualität ist nicht nur eine Rechenleistung, sondern Persönlichkeitseinschätzung, Stilfrage, Einfühlungsvermögen, Quer- und Vorausdenken und vor allem eine Frage des Vertrauens.

Der Rechengigant Alpha Go kann in Sekunden so viele Partien Go spielen, wie der Altmeister im Laufe seines Lebens. Aber Alpha Go weiss nicht, dass er spielt, nicht, was Spielen eigentlich ist und er kann weder Spass dabei empfinden noch wirklich welchen vermitteln. Er simuliert Denken durch Rechenprozesse und triumphiert nur dort, wo sich Regeln automatisch anwenden lassen. Gerade in sensiblen Beratungsfragen sollten wir deshalb nicht die menschlichen Unzulänglichkeiten im Vergleich zur Rechenleistung der Roboter blicken, sondern auf die menschlichen Stärken anhand ihrer (noch vorhandenen) Grenzen.

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