Sardex: Zurück zum Lokalen 

Fünf Freunde aus Sardinien entwickelten eine Parallelwährung, mit der sie zahllosen Kleinbetrieben aus der Krise helfen.

In den letzten Jahrzehnten, insbesondere ab den 1990er-Jahren, erlebten wir den scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug der Globalisierung: Der weitgehende Abbau von Handelsschranken, die internationale Mobilität von Kapital, die rasante Digitalisierung, aber auch die Erschliessung neuer Verkehrswege führten zu einer intensiven Verflechtung der Weltwirtschaft sowie einem gewaltigen globalen Produktivitäts- und Wirtschaftsaufschwung. Die globalen Wohlstandsgewinne bestätigten die vom britischen Ökonomen David Ricardo formulierte Theorie der komparativen Kostenvorteile, wonach die Nutzung von Spezialisierungsvorteilen kombiniert mit einer weitgehenden Liberalisierung des Aussenhandels für sämtliche beteiligten Länder von Vorteil ist.

Gewinner und Verlierer

Es gab und gibt aber auch negative Seiten der Globalisierung: Das aktuellste Beispiel ist die ungehinderte und rasante weltweite Verbreitung des Corona-Virus, welche auch die Verletzlichkeit der internationalen Just-in-Time-Wertschöpfungsketten offenlegt. Schon viel früher manifestierten sich – verursacht durch schrankenlose Mobilität und gestiegene Produktion – Umweltprobleme, darunter auch die Klimakrise. Ebenso wurde immer klarer, dass die Globalisierung nicht nur Gewinner, sondern in grossem Ausmass auch Verlierer produziert – und dies auch in der westlichen Welt. Ängste und Sorgen, hervorgerufen durch die Digitalisierung, Migrations- und Fluchtbewegungen, Druck auf die Arbeitsmärkte aufgrund der Konkurrenz aus Tieflohnländern sowie das Verschwinden traditioneller Produktions- und Wirtschaftsstrukturen mischten sich insbesondere nach der Finanzkrise 2008 zu einem diffusen und gefährlichen Gefühlscocktail. Dieser richtete sich gegen die Globalisierung sowie eine „heimatlose, globale Elite“ und befeuerte die Wahl- und Abstimmungserfolge national-populistischer Politiker und Parteien.

Solidarität und Kooperation

Giuseppe Littera aus Sardinien hat die negativen Auswirkungen der Globalisierung schon als Student kritisch beobachtet. Als die Schockwellen der Finanzkrise 2009 seine Heimatinsel erreichten und die Banken dem lokalen Gewerbe kaum mehr Kredite gewährten, wodurch sie die Wirtschaft abwürgten, fragte er sich gemeinsam mit einigen Freunden: „Warum soll ein lokaler Tischler, dessen Geschäft gut läuft, keinen Kredit mehr bekommen, nur weil in New York, London oder Frankfurt etwas schiefgelaufen ist?“ Ihre Antwort war kein national-destruktives, sondern ein lokal-konstruktives Projekt: Sie riefen Sardex ins Leben, eine Art Klub sowie eine Parallelwährung zum Euro. Der Sardex ermöglicht die gegenseitige Kreditvergabe der beteiligten Kleinunternehmer und freiberuflichen Gewerbetreibenden und hilft vielen Betrieben aus der Krise. Für Littera liegt die Stärke ihrer Initiative darin, dass sie den Menschen das Gefühl gegeben habe, sie hätten die Dinge wieder unter Kontrolle: „Mit dem Sardex haben wir Leute zusammengebracht, die früher gegeneinander gearbeitet haben und nun kooperieren.“ Ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man mit lokaler Solidarität den durch die Globalisierung verursachten Problemen begegnen kann.

Lesen Sie über Giuseppe Littera und weitere spannende Persönlichkeiten in der neuen Ausgabe des Magazins CREDO zum Thema „Einfachheit“.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.