Schwarzer Schwan: Wir wissen nicht, was wir nicht wissen

Schwarzer Schwan: Wir wissen nicht, was wir nicht wissen 

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„Schwarze Schwäne“ sind die blinden Flecke unserer gesicherten Weltbilder und unserer Erkenntnisfähigkeit. Auch Anleger müssen sich vor ihnen hüten.

Schwäne sind weiss. Oder jedenfalls waren sie es für die Menschen des späten Mittelalters, bevor der holländische Entdecker Willem de Vlamingh im 17. Jahrhundert in Australien erstmals schwarze Schwäne beobachtete. Vlamingh entdeckte auf der anderen Erdhalbkugel nicht nur eine neue Tierart. Sein schwarzer Schwan brachte die Gewissheit ins Wanken, dass Schwäne per Definition weiss sind. Die Entdeckung des schwarzen Schwans erweiterte den geistigen Horizont seiner Zeitgenossen um eine zoologische Sensation – und um die Gewissheit der eigenen Fehlbarkeit. Der unmögliche Schwarze Schwan wurde so zum Symbol des Nichtwissens und des Nichterkennens. Der gleichnamige Bestseller des Finanzmathematikers Nassim Nicholas Taleb machte diesen sogar zum Star der praktischen Philosophie.

Schwarze-Schwan-Phänomene sind Zufälle der besonderen Art. Sie treffen uns plötzlich und völlig unvorbereitet. Im Nachhinein lassen sie sich jedoch leicht erklären, denn wir erkennen die logische Entwicklung, die zu ihnen führte. Bei Schwarzer-Schwan-Ereignissen sind wir also rückwirkend klüger, weil wir einsehen müssen, dass wir vorher zu kurz gedacht haben. Typische Schwarze Schwäne sind manche Börsenblasen. Nachdem sie geplatzt sind, ist allen klar, dass die Aktienkurse zuvor zu stark und zu schnell gestiegen sind. Die Blase im Voraus zu prognostizieren, ist aber ungleich schwieriger. Schwarze Schwäne überraschen uns, weil wir uns für weitsichtig halten, und deshalb nicht über den Tellerrand unserer Gewissheit blicken. Wir sind uns so sicher, Ereignisse wirklich zu verstehen, dass wir widersprechende Signale einfach ausblenden. Der Schwarze  Schwan schwimmt auf uns zu, aber wir ignorieren ihn, weil er scheinbar nicht sein kann.

Wir können Schwarze Schwäne zwar nicht immer erkennen, aber wir können rückwirkend aus ihnen lernen. Talebs Empfehlung ist die gesunde Skepsis gegenüber allzu weissen Schwänen, also den scheinbar unumstösslichen Wahrheiten. Auch Analysen und Prognose-Modelle für die  Finanzmärkte müssen mit Schwarzen Schwänen rechnen. Sie müssen eine Robustheit gegenüber dem Zufall entwickeln und die Grautöne der Wirklichkeit richtig interpretieren. Die Gretchenfrage der Analysten ist, ob die Grautendenz eher ins Weisse oder ins Schwarze geht. Fifty Shades of Grey für die Analysten – keine leichte Aufgabe. Vielleicht ist das der Grund, warum schwarze Schwäne auch „Trauerschwäne“ genannt werden.

Leselinks:

Sehr inspirierend sind Nassim Nicholas Talebs 10 Thesen zum Risikomanagement mit Schwarzen Schwänen, die der Blicklog zusammen fasst.

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten liefern einen feuilletonistischen, unterhaltsamen Überblick über die Begriffsgeschichte des Schwarzen Schwans

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