Schwellenländer – das Pendel schlägt zurück 

Die meisten Analysen versuchen, die seit einigen Jahren beobachtbare Schwäche der «Emerging Markets» (EM) mit makroökonomischen Entwicklungen oder spekulativen Kapitalflüssen zu erklären. Doch es gibt einen weiteren Faktor, der sich als sehr wichtig erweisen könnte:

Die Erträge der Unternehmen aus hoch entwickelten Volkswirtschaften holen seit einiger Zeit relativ zu den Gewinnen aus den Schwellenländern leicht aber stetig auf. Dieser Trend ist auf Gesamtebene zwar noch schwach, doch das könnte sich ändern. Auf Länder- und Sektorebene ist nämlich deutlicher erkennbar, wie die Schwellenländer von Bereich zu Bereich eingeholt werden.

Ende 2009 waren es nur US-Konzerne, die gegenüber den EM-Unternehmen aufzuholen begannen. Ende 2011 setzte diese Wende auch in Japan ein und Ende 2012 stabilisierte sich auch Europa. Auf Branchenebene haben die EM nur noch in zwei von zehn MSCI-Sektoren einen leichten Trendvorteil: Finanzdienstleistungen und Informationstechnologie.

Gegenwinde in Schwellenländern

Gerade da ist in vielen Schwellenländern aber zukünftig mit stärkeren Gegenwinden zu rechnen (z.B. Bereinigung spekulativer Kredit- und Immobilienblasen in China, wettbewerbsverdrängender Effekt der Yen-Schwäche auf koreanische Elektronikhersteller). Zudem haben die Schwellenländer ihren einst signifikanten Vorteil im Bereich der Profitabilität (Gewinnmargen) inzwischen weitgehend verloren – und auch hier dürften es viele EM-Firmen angesichts steigender Löhne und des strukturell sinkenden Wirtschaftswachstums zukünftig weniger leicht haben.

Da diese relativen Ertragstrends mittelfristig stabil wirken, könnten die Börsen der G7-Länder sogar noch über viele Jahre gut laufen, auch wenn die Aktienbewertungen in einigen Märkten wie den USA oder der Schweiz aus heutiger Sicht nicht mehr so günstig aussehen. Umgekehrt könnten Aktien in vielen Schwellenländern immer noch «zu teuer» sein, auch wenn ihre Marktbewertungen anhand heutiger Ertragsschätzungen attraktiv erscheinen.

Industrieländer Aktien könnten sich also aus fundamentalen Gründen als die grossen Gewinner der Finanzkrise von 2007/2008 herausstellen, so wie EM-Aktien gestärkt aus der Asien- und der Russlandkrise von 1997/1998 hervorgingen und mehr als ein Jahrzehnt lang überlegen waren.

Schnell reich werden – das allein reicht nicht mehr

Letztlich ist diese Entwicklung auch Teil eines Reifeprozesses. Es reicht nicht mehr, nur billiger, schneller, flexibler und aggressiver zu sein. Zukünftig wird es wohl (wieder) wichtiger werden, auch «besser» zu sein. Es reicht nicht mehr, um mit Deng Xiaoping zu sprechen, wenn einige Wenige «zuerst reich werden». Die Qualität und die Breite des Wohlstands muss auch stimmen.

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