Schwellenländer: Warum Skepsis gesund ist 

Im April schrieb ich über die Unternehmensgewinne und hielt fest, dass die relative Dynamik seit einigen Jahren sukzessive zugunsten der Industrieländer kippt. Gingen aus den Asien- und Russland-Krisen 1997/1998 die Schwellenländer klar als Sieger hervor, so scheint nach den «westlichen» Finanzkrisen ab 2007/2008 und der Nachfolgebeben in Europa und Japan die Retourkutsche in Bewegung gekommen zu sein.

Inzwischen bestätigen auch die aktuellsten Ergebnisse der globalen Berichtssaison für das erste Quartal 2014 diese Entwicklung. Sie zeigen zudem auf, dass Analysten und Unternehmenskommunikatoren die Situation offenbar immer noch nicht in ihrer ganzen Dimension erfasst haben.

Jüngste Ertragssaison bekräftigt Schwellenländer Schwäche

Lassen wir die Zahlen sprechen: Die EPS (Gewinne je Aktie) der Firmen des MSCI World (Industrieländer) wuchsen im ersten Quartal im Jahresvergleich um rund 7% und waren damit fast 5% höher als insgesamt erwartet. Die «Emerging Markets»-Firmen steigerten hingegen ihre EPS jedoch nur um 6.4% – und verfehlten die Konsensprognose um beachtliche 39%. In Asien-Pazifik (ohne Japan) wurden die Erwartungen sogar um 44% unterboten.

Gewiss, die Erwartungen gegenüber den Schwellenländern sind relativ zur Realität schon seit einigen Jahren zu hoch (in etwa seit Beginn der relativen EM-Börsenschwäche). Bisher war es jedoch meist so, dass die EM ein höheres Gewinnwachstum als die «Developed Markets» auswiesen. Neuerdings sind sie aber auch beim Ertragswachstum ins Hintertreffen geraten.

Boden wahrscheinlich noch nicht erreicht

Grundsätzlich könnten wir uns langsam der Schlussphase der EM-Schwäche nähern. Als nächstes müssten jedoch die Erwartungen der Analysten und Unternehmen noch deutlich gesenkt werden und die EM-Diskussion noch pessimistischer werden. Der Boden dürfte erst dann erreicht werden, wenn negativ übertrieben wird. Solange die tatsächlichen Firmengewinne fast nur halb so hoch wie erhofft sind, können wir auch nicht wirklich von günstigen Aktienbewertungen in den Schwellenländer sprechen. Vielmehr wirken die Bewertungen nur deswegen so tief, weil die Erwartungen zu hoch sind.

Wie der nachfolgende Chart zudem zeigt, ist die seit Anfang Jahr in manchen Marktberichten «hochgespielte» Erholung der EM-Aktien aus relativer Sicht im mittelfristigen Gesamtbild nicht wirklich der Rede wert. Vorsicht bleibt gegenüber den EM also weiter angebracht.

Gegenüber den Jahren kreditfinanzierter Booms bis 2007 ist das Weltwirtschaftswachstum deutlich gesunken. Effiziente, moderne Firmen können damit aber gut umgehen. Vielleicht sind wir in diesem Sinne in eine Zeit eingetreten, in der sich auch beim Thema Wachstum langsam ein grundsätzlich gesunder Grundgedanke durchsetzt: «weniger ist mehr».

140515_Relative Performance der Aktienmaerkte

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