Schwellenländeranlagen – Know Your Markets 

Sollte sich Ben Bernanke, wenn er dann ab Januar sein Rentnerdasein geniesst, einmal wehmütig daran erinnern wollen, welche enormen Auswirkungen seine Äusserungen bisweilen hatten, sollte er sich einen Rückblick auf die Finanzmärkte in den Schwellenländern genehmigen. Die durchschlagende Wirkung, die seine Gedanken zum Tapering insbesondere auf die Schwellenländer hatten, hat nicht nur in einer überwältigen medialen Resonanz Niederschlag gefunden, sie hat auch die Finanzmärkte, insbesondere der Schwellenländer, zum Beben gebracht. Plakativ formuliert hat der Vorsitzende der Fed vielen Anlegern in dieser Phase eine Menge Geld gekostet.

Schlagartig wurde klar, dass Schwellenländeranlagen auch deswegen eine höhere Rendite erzielen als vergleichbare Anlagen in entwickelten Märkten, weil sie andere, zum Teil höhere Risiken beinhalten. So ist beispielsweise die Markttiefe in den meisten Schwellenländern so gering, dass sich Zu- und Abflüsse ausländischen Kapitals in deutlichen Marktbewegungen äussern. Hinzu kommen, je nach Land, Abhängigkeiten vom Export, und damit vom wirtschaftlichen Zustand der Abnehmerländer, oder von der weltweiten Rohstoffnachfrage. Hinzu kommen unter Umständen politische Risiken, Korruption, eine schlechtere Infrastruktur usw. Kurz: Auch Schwellenländer laden die Anleger nicht zum «Free Lunch» ein.

Rund fünfeinhalb Monate nach Bernankes Aussagen zum Tapering hat sich der MSCI Emerging Markets wieder auf das Niveau vom Mai zurückgekämpft. Seinem Pendant im Bondbereich, dem JPMorgan EMBI Global Total Return, oder dem Barclays Emerging Markets Government Inflation-Linked Index, mit denen der MSCI Emerging Markets seit Mai 2012 einen erstaunlichen Gleichlauf aufwies, ist dies nicht gelungen. Zwar konnten auch Schwellenländeranleihen ihre Verluste vom Mai/Juni reduzieren, jedoch sind die Jahreshöchststände noch weit entfernt.

Nachdem die Anleger also ihr Vermögen rund ein Jahr lang gleichermassen in Schwellenländerbonds und -aktien gelenkt haben, schauen sie seit Mai dieses Jahres wieder genauer hin, wenn sie sich zwischen Anleihen und Aktien entscheiden. Neben der Tatsache, dass die Aktienmärkte im Durchschnitt eine höhere Liquidität aufweisen, dürfte einer der Hauptgründe für diese Entwicklung darin liegen, dass Aktieninvestoren an privaten, oft international agierenden Unternehmen Teilhaber werden, während Käufer von Schwellenländeranleihen in der Hauptsache Gläubiger von Staaten werden.

Dass dies eine mitunter wichtige Unterscheidung ist, zeigt sich am Beispiel Indiens. Der wichtigste Index des indischen Aktienmarkts, der S&P BSE Sensex Index, erreichte am 3. November dieses Jahres einen neuen historischen Höchststand. Gleichzeitig machte Indien Schlagzeilen, weil das Land den Import von Gold mit Steuern belegt, um die Abwanderung von Devisen zu reduzieren. Mittlerweile wird auf staatliche Initiative hin sogar unter den Ruinen eines Königsschlosses nach Gold gegraben, weil Guru Shobhan Sarkar behauptete, der letzte der dort residierenden Könige sei ihm im Traum erschienen und habe von 1000 Tonnen Gold unter den Ruinen seines Palastes berichtet.

Gleichzeitig sorgen anziehende Lebensmittelpreise für eine steigende Inflation und für Unruhe unter der Bevölkerung. So lag der Preis für Zwiebeln im September 323 Prozent über dem des vergangenen Jahres. Weil 800 Millionen Inder, also rund zwei Drittel der Einwohner des Landes, von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen, hat eine solche Preisentwicklung dramatische Folgen. Denn damit kostet das Kilo Zwiebeln für viele mittlerweile mehr als einen Tageslohn.

Die Gründe dafür liegen auch in einer allgegenwärtigen Korruption und einer mangelnden Effektivität. So erwarteten z.B. Düngemittelhersteller, durch den Einsatz moderner Chemie die Erträge der Äcker um 40 Prozent jährlich steigern zu können. Und Frachtunternehmen schätzen, dass mehr als 30 Prozent ihrer Kosten in Bestechung fliesse. Nur so liessen sich die inneren Landesgrenzen überwinden. Rund ein Drittel der Lebensmittel verdirbt auf dem Weg vom Bauern zum Verbraucher.

Nicht umsonst liegt Indien im diesjährigen Doing-Business-Report der Weltbank von 189 bewerteten Ländern nur auf Platz 134, noch hinter dem von Unruhen erschütterten Ägypten. In der Kategorie Schwellenländer liegt das Land an vorletzter Stelle.

Wenn der Sensex in einem solchen Umfeld zu neuen Höchstständen getrieben wird, so kann man dies vielleicht als Symbol der sich weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich in Indien ansehen. Man kann aber auch nüchtern darauf verweisen, dass der Zufluss ausländischer Liquidität in einem relativ engen Markt zu steigenden Kursen führt. Was passiert also, wenn die Richtung des Kapitalstroms dreht?

Auch wenn das genaue Datum noch unsicher ist, erwarten viele Marktteilnehmer, dass die Fed spätestens im kommenden Frühjahr mit der Reduzierung ihrer Anleihekäufe beginnen wird. Die Aussicht auf weniger Liquidität hat die Anleger im Sommer in einer letztlich übertriebenen Reaktion noch dazu bewogen, unbesehen Kapital aus allen Schwellenländern und über alle Anlageklassen abzuziehen. Wenn man für 2014 von einer differenzierteren Bewertung der einzelnen Schwellenländer ausgeht, werden die Marktreaktionen auf das Tapering in der Kategorie Schwellenländer sehr unterschiedlich ausfallen. Dann dürfte zutage treten, dass zwischen Indien und den im Weltbank-Ranking am besten abschneidenden Schwellenländern Malaysia und vor allem Südkorea in vielerlei Hinsicht Welten liegen. Die Bereitschaft vieler Länder zu wirtschaftlichen und politischen Reformen dürfte dann honoriert werden, ebenso wie die Indizien für makroökonomische Stabilität, wie z.B. eine ausgeglichene Leistungsbilanz.

Dies wäre ein gutes Zeichen, wenn auch nicht für die indischen Anleger.

Referenzen
Die Zwiebel treibt die Inflation in Indien, FAZ 15.10.13
Das Gold der Tempel könnte Indien retten, FAZ 23.10.13
Höhenflug Indiens?, FAZ 05.11.2013
The World Bank: Doing Business 2014, 29.10.13

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