Schwellenländeranleihen: zurück im Fokus?

Schwellenländeranleihen: zurück im Fokus? 

Vor gut zehn Jahren waren Investoren, die eine Verfallrendite (Yield to Maturity) von drei bis vier Prozent erzielen wollten, mit Staatsanleihen der Industrienationen gut bedient. Durch die Finanzkrise 2008 hat sich die Situation jedoch gravierend verändert. Rund um den Globus senkten Zentralbanken in den letzten Jahren kontinuierlich die Leitzinsen, um die lokale Wirtschaft zu stimulieren. Diese Massnahme führte zu einem anhaltenden Druck auf die Realverzinsung – insbesondere von Staatsanleihen.

Während der letzten Quartale hat sich die Lage weiter verschärft. Aktuell liegt die Nominalverzinsung von einzelnen Staatsanleihen sogar unter null , beispielsweise hat eine zehnjährige Bundesanleihe der Schweizerischen Eidgenossenschaft eine negative Rendite von -0.6 Prozent und jene der Bundesrepublik Deutschland eine von -0.1 Prozent. Investoren, welche im Anleihensektor eine positive Rendite anstreben, müssen unweigerlich nach risikoreicheren Alternativen Ausschau halten. Eine solche Alternative können Schwellenländeranleihen (Staats- sowie Unternehmensanleihen) sein.

Angepasste Erwartungen von Investoren an die Wirtschaftsleistung

Das Wirtschaftswachstum von Schwellenländern liegt seit einigen Jahren unter den Erwartungen der Analysten. Dies führte in Vergangenheit immer wieder zu negativer Stimmung und anhaltenden Geldabflüssen.

Nun gibt es erste Anzeichen, dass sich dieser Trend umkehren könnte. Seit einigen Jahren sind die Erwartungen der Investoren an zukünftige Unternehmensgewinne realistischer geworden. Wie die Grafik unten zeigt, haben die jüngsten Makrodaten die Erwartungen der Investoren tendenziell übertroffen. Hinzu kommt, dass die Ausschläge des «Surprise Indicators» schwächer werden. Zugleich wurden viele Währungen von Schwellenländern stark abgewertet. Der daraus resultierende komparative Kostenvorteil gegenüber dem Westen dürfte den Unternehmen in den Schwellenländern zu Gute kommen. Die Erwartungen an zukünftige Wirtschaftsdaten und damit auch an die Unternehmensgewinne könnten folglich bald wieder positivere Zeichen setzen.

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Surprise Indicator für das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländer
Quelle: LGT

Vorteilhafte Rahmenbedingungen

Neben den realistischeren Erwartungen an das Wirtschaftswachstum der Schwellenländer haben sich jüngst auch einige wichtige Rahmenbedingungen verbessert:

  • Die Rohstoffpreise haben sich von ihren Tiefständen erholt und wirken sich zumindest nicht mehr negativ auf die rohstoffexportierenden Schwellenländer aus.
  • Die Geldpolitik von Zentralbanken inklusive des Federal Reserve System (Fed) bleibt expansiv, was die Gefahr von Kapitalabflüssen in die Industrieländer deutlich reduziert.
  • Ängste um die wirtschaftliche Entwicklung Chinas sind nach wie vor vorhanden, aber nicht mehr in dem Ausmass, dass sie die Märkte massgeblich negativ beeinflussen würden.

Geldzuflüsse in Schwellenländeranleihen

Insgesamt hat das verbesserte Umfeld die Anleger veranlasst, wieder Gelder in Schwellenländeranleihen zu investieren. Nachdem während der letzten Jahre die Zuflüsse in Fonds mit Schwellenländeranleihen stagnierten und 2015 sogar unter dem Strich Kapital abgezogen wurde, scheint nun die Trendwende erfolgt zu sein. Im aktuellen Jahr verzeichnete die Anlageklasse wieder positive Geldflüsse, wobei wir aber noch weit von den Rekordjahren 2010 oder 2012 entfernt sind. Die stärksten Zuflüsse verzeichneten Anleihen denominiert in USD, vor Anleihen in Lokalwährung.

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Jährliche Zu- und Abflüsse von Geldern in Schwellenländeranleihen (in USD mrd.)
Quelle: LGT Capital Partners, JPM, Daten bis 20. Juli 2016

Risiken nicht aus den Augen verlieren

Gemessen am aktuellen Tiefzinsumfeld können Schwellenländeranleihen auf den ersten Blick attraktive Erträge erzielen. Dem potentiellen Ertrag sollte der Investor aber immer das entsprechende Risiko gegenüberstellen. Gerade bei Schwellenländeranleihen können diese Risiken stark variieren. Das Rating vieler Anleihen hat sich zwar über die vergangenen Jahre verbessert, dennoch müssen geopolitische Risiken wie auch einzelne Kreditrisiken in die Analyse und die Investitionsentscheidung miteinbezogen werden. Gerade China scheint dabei eine zentrale Rolle zuzukommen. Die Volksrepublik bewegt sich nach wie vor auf einem schmalen Grat zwischen konjunktureller Unterstützung und Reformen auf struktureller Ebene. Obwohl die Angst eines «hard landings» als eher unwahrscheinlich eingestuft wird, bleibt Chinas Weg zu alter Stärke langwierig und herausfordernd.

Da diese Risiken insbesondere für Privatanleger oft nur schwer einzuschätzen sind, sollten sie vor allem auf eine gute Diversifikation achten und sich allenfalls auf einen aktiv verwalteten Ansatz von Spezialisten stützen.

Bild: By J0nnyb0y05 (Jon Leonard) CC BY 3.0 us, Wikimedia Commons

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 8. August 2016 | Die Börsenblogger

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