Schwundgeld: Was rastet, das rostet 

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Warum die «rostenden» Pfennige des Mittelalters ebenso unbeliebt wie erfolgreich waren.

Wie kommt man zu Geld? Die Frage ist fast so alt wie die Menschheit, und im Grunde gibt es darauf nur zwei Antworten: Entweder man arbeitet dafür, oder man knöpft es anderen ab. Letzteres leuchtete nicht nur Strassenräubern ein, sondern auch den Fürsten des Mittelalters. Zum Beispiel Wichmann von Seeburg: Im Jahr 1154 wurde er zum Erzbischof von Magdeburg geweiht und damit zu einem der bedeutendsten Kirchenfürsten der Zeit. Er war einer der Vertrauten von Kaiser Friedrich I «Barbarossa», und er war ein Kirchenpolitiker, der seine Interessen durchaus auch mit handfesten militärischen Mitteln durchzusetzen wusste. Um seine Vorhaben zu finanzieren, liess er sich etwas besonderes einfallen. Einmal geprägt, wurden die Magdeburger Münzen alle sechs Monate «verrufen», d.h. kurzerhand für ungültig erklärt. Die alten Münzen konnten danach zwar in die neuen, frisch geprägten umgetauscht werden, doch obwohl das Geld immer denselben Gold- oder Silbergehalt aufwies, erhielten die Bürger für zwölf alte Münzen nur noch neun neue. Ein volles Viertel ging so an den Erzbischof, der damit Kirchen und Kriege finanzierte.

Mit der Erfindung dieses «Schwundgeldes» schlug Wichmann zwei Fliegen auf einen Streich: Zum einen flossen der Staatskasse alle sechs Monate beträchtliche Geldmengen zu, und zum anderen wurde der Geldumlauf enorm beschleunigt, denn um dem empfindlichen Wertverlust zu entgehen, brachten Bürger, Handwerker und Händler die als «rostendes Geld» verspotteten Pfennige rasch wieder in Umlauf. Das Halten von Bargeld war teuer, und so setzte man erworbenes Vermögen so rasch wie möglich wieder um. Der Konsum kam in Schwung, und die Wirtschaft begann zu blühen.

Dieses radikale Konzept einer 25-prozentigen Kapitalsteuer war ein Erfolg, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte der deutsche Kaufmann und Finanztheoretiker Johann Silvio Gesell eine anarchistische Utopie namens Freiwirtschaft, die unter anderem auf dem mittelalterlichen Schwundgeld-Konzept beruhte und jeden Ertrag ablehnte, der allein auf dem Besitz von Geld beruhte. In den Zeiten der grossen Depression 1932/33 brachte Gesells Konzept Michael Unterguggenberger, Bürgermeister des Tiroler Dorfs Wörgl, auf die Idee, eigenes «Schwundgeld» drucken und an die Gemeindearbeiter ausgeben zu lassen. Das Wörgler Schwundgeld bestand aus Banknoten, die überall im Dorf in Zahlung genommen wurden und auf deren Vorderseite jeden Monat Marken im Wert von einem Prozent ihres Werts aufgeklebt werden mussten, damit sie ihren Wert behielten. Wörgls Wirtschaft kam so erstaunlich gut durch die Krise – bis die österreichische Nationalbank dem «Wunder von Wörgl» genannten illegalen Experiment, unter Androhung eines Einsatzes der Armee, im September 1933 ein abruptes Ende setzte.

Leselinks:

Zeit.de: Historisches Experiment – das Wunder von Wörgl
FAZ.net: Nach der Finanzkrise – brauchen wir ein neues Geldsystem?

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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