Sell in May

Sell in May 

Es ist wieder so weit: Eine beliebte Börsenregel empfiehlt, sich für ein halbes Jahr von den Märkten zu verabschieden. Statistiken zeigen, dass die Börsenregel stimmt – aber man noch längst nicht gewinnt, wenn man sich daran hält.

Auch wenn längst das Computerprogramm die Fütterung steuert und die Melkmaschine die schweisstreibende Arbeit übernommen hat, betrachten wir den Bauern meist romantisch-sentimental als heimat- und naturverbundenen Heroen und weniger als modernen Wirtschaftstreibenden. Im Gegensatz dazu wird zum rationalen «homo oeconomicus» erhöht, wer sich eingehender mit Finanzdingen beschäftigt. Erst in den letzten Jahren hat die Forschung entdeckt, dass auch die Entscheidungen von Finanzspezialisten nicht immer rational sind.

Das konnte man auch vorher schon entdecken. Denn wie manche Bauernregeln – «Nasser April und windiger Mai bringen ein fruchtbar Jahr herbei» – folgt auch so manche Börsenweisheit dem Jahreslauf. Und so fragen sich auch in diesem Jahr viele Privatanleger, ob sie trotz derzeit eher weniger renditeträchtiger Alternativen der altbekannten Börsenregel «Sell in May and go away – but remember to come back in September» folgen sollen.

Es überrascht keineswegs, wenn der Ertrag des Bauern mit dem Kalender – respektive den Wetterverhältnissen – korreliert. Beim Börsengeschehen leuchtet der Zusammenhang zumindest nicht auf Anhieb ein. Trotzdem finden sich immer wieder Beispiele, die eine bessere Performance der Sell-in-May-Strategie zeigen. Ben Jacobson, Professor für Finanzwissenschaft an der neuseeländischen Massey-Universität, hat 108 Aktienmärkte im Zeitraum von 1962 bis 2012 untersucht. 81 Finanzplätze schnitten in der Periode von November bis April tatsächlich überwiegend besser ab als zwischen Mai und Oktober. Eine Untersuchung des Deutschen Aktienindex Dax zeigt, dass dieser von 1994 bis 2009 in den Sommermonaten häufiger im Minus war als im Plus.

Das kleine Handicap all dieser Studien: Das Wissen um die Vergangenheit hilft nicht dabei, die Zukunft vorherzusagen. Denn egal wie oft sich die Börsenweisheit als richtig herausgestellt hat – die Chancen, dass sie wieder eintrifft, stehen wie jedes Jahr fifty-fifty. Die Börsenentwicklung wird weniger von der Jahreszeit als von politischen und wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst. Und es gibt auch Beispiele, die nahelegen, der Regel entgegengesetzt zu handeln – im Jahr der Finanzkrise 2008 wäre man besser im September aus- und im Mai 2009 wieder eingestiegen.

Dass man der Sell-in-May-Regel nicht blind folgen kann, ist keine grundsätzliche Absage an Börsenregeln. Mit dem Leitspruch «Geht der Tag bewölkt zu Ende, steht der Index bis zur Wende», liegt man immer richtig.

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