Sind Spaniens Stiere zurück?

Sind Spaniens Stiere zurück? 

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Stiere haben in Spanien Tradition. In den Stierkampfarenen von Katalonien sind sie inzwischen selten geworden (Stierkampfverbot seit 2012), aber an einem ganz anderen Schauplatz kehren sie zurück. Der spanische Aktien Leitindex IBEX erholte sich von unter 9500 Punkten (Januar 2015) auf über 11500 Punkte im Mai dieses Jahres, ein Plus von über 18 Prozent in knapp fünf Monaten.

Die wirtschaftliche Erholung und der damit verbundene «Bullenmarkt» ist erfreulich, kommt aber auch etwas spät. Die Finanzkrise 2008 setzte Spanien arg zu. Das Land wurde einerseits zu den wirtschaftlich angeschlagenen Ländern der EU (GIPS) gezählt (Greece, Italy, Portugal, Spain), andererseits nimmt das Land aufgrund der neuerlichen positiven Signale aus der Wirtschaft zunehmend Abstand vom Tellerrand der EU Wackelstaaten. Im Gegensatz zu Deutschland, England oder Frankreich, dessen Bruttoinlandsprodukte bereits wieder das Niveau der Vorkrisenzeit erreicht haben, hinkt Spanien immer noch hinterher – holt aber zur Zeit mit grossen Schritten auf.

Spaniens Weg aus der Krise

Mit Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise rutschte Spanien in eine Schieflage, ausgelöst durch schwere makroökonomische Ungleichgewichte wie z.B. der Kredit- und Immobilienblase, dem deutlichen Verlust an Konkurrenzfähigkeit oder den strukturellen Problemen auf dem Arbeitsmarkt. Bei der Bewältigung dieser Ungleichgewichte hat Spanien zuletzt Fortschritte gemacht. Es gelang, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und den Bankensektor mithilfe eines Finanzhilfeprogramms des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zu stärken. Zudem wurde der Schuldenstand des Privatsektors reduziert. Die lange wirtschaftliche Durststrecke scheint Spanien seit 2013 überwunden zu haben. Mit einer erwarteten Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für das Jahr 2015 von 2.3 Prozent zählt Spanien aktuell zu den am schnellsten wachsenden EU-Staaten. Die Zahl der Arbeitslosen ist in Spanien seit zwei Jahren rückläufig, doch liegt die Arbeitslosenquote von knapp 24 Prozent immer noch sehr hoch im EU-Vergleich. Trotzdem spricht der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy von einer Trendwende auf dem Arbeitsmarkt und stellte kürzlich in Aussicht, dass 2015 eine halbe Million neue Arbeitsplätze in Spanien geschaffen werden.

Wie nachhaltig ist Spaniens wirtschaftliche Erholung?

Eine geringe und stabile Arbeitslosenquote, Wettbewerbsfähigkeit, Nachfrage (Konsum) sowie Investitionen in Menschen, Forschung und Entwicklung sind einige wichtige Standbeine für ein nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum. Hinzu kommt die Unterstützung durch externe wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Ist das bereits die Trendwende oder nur eine Linderung der Symptome der Krise in Spanien?

Fokussieren wir uns auf den Arbeitsmarkt. Die Qualität der neuen Jobs bleibt ungebrochen fragwürdig, denn nur 10 Prozent der neuen Arbeitsverträge im ersten Quartal 2015 entfielen auf Festanstellungen. Befristete Arbeitsverträge sind meist verbunden mit tieferen Löhnen. Die fehlenden Investitionen in die Arbeiter wirken sich auf das Konsumklima aus, weil eine befristete Anstellung aufgrund der unsicheren Zukunftsaussichten zur Zurückhaltung motiviert, und nicht zum Konsum.

In Bezug auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der EU kann sich Spanien momentan nicht beklagen. Die relativ günstigen Rohstoffpreise (z.B. Öl), der abgeschwächte Euro (basierend auf den QE-Massnahmen der EZB) und das Tiefzinsumfeld bieten günstige Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufschwung. Sich auf diese Faktoren längerfristig zu stützen, birgt aber auch Gefahren. Spanien sollte die günstigen Bedingungen für den Aufbau und die Stabilisierung der Wirtschaft nutzen, aber nicht als Basis und längerfristigen Treiber des Bruttoinlandsproduktes ansehen.

Spanien hat gezeigt, dass mit kontinuierlichen Veränderungen, günstigen Rahmenbedingungen, Zeit und mit Unterstützung ein Umschwung möglich sein kann. Obwohl Spanien noch nicht über dem Berg ist und noch einige Hausaufgaben zu lösen hat, braucht die EU solche Beispiele.

Ein boomender Aktienmarkt ist noch keine Garantie für eine nachhaltige Entwicklung. Mit den anstehenden Parlamentswahlen im Herbst dieses Jahres steht Spanien ein weiterer Unsicherheitsfaktor bevor, welcher je nach Ausgang unweigerlich die Weichen für dessen Wirtschaft stellen wird. Die ersten Regional- und Kommunalwahlen Ende Mai haben zumindest einen möglichen Machtwechsel in Aussicht gestellt, denn die konservative Volkspartei PP (Partido Popular) von Ministerpräsident Rajoy hat bereits einiges an territorialer Macht und an Vertrauen in der Bevölkerung eingebüsst. Trotz Aufschwung spüren viele Spanier (noch) nichts von der wirtschaftlichen Erholung. Spaniens Stiere sind an den Aktienmärkten zurück, doch ist dies wohl in erster Linie der Politik von Mario Draghi zu verdanken.

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