Sinnfrage: Die Bank als App?

Sinnfrage: Die Bank als App? 

Google bringt selbst fahrende Autos auf den Markt, die Industrie 4.0 steuert sich selbst und der Avatar der Online-Bank schläft nie. Der Faktor Mensch scheint auf dem Rückzug und nicht selten treten digitale oder mobile Anwendungen (Apps) an seine Stelle. Die Metamorphose der Technik von der praktischen Arbeitserleichterung zum Arbeitskraftersatz dringt dabei in immer weitere Höhen der Qualifikation vor.

Selbst in beratungsintensiven Wirtschaftsbereichen werden die kleinen Helfer zum ernsthaften Konkurrenten für den Menschen. Im mobilen Web schickt sich eine Armada an Apps an, die wachsende Nutzerschar auch mit Finanzdienstleistungen zu versorgen. Ihre besonderen Eigenschaften machen mobile Apps zu ernsthaften Hausforderungen für alles, was nicht mobil und smart genug ist:

Smart Banking: Filiale in der Hosentasche

Apps sind die Synapsen des digitalen Zeitalters. Sie führen auf einfache Weise Funktionen zusammen, die bislang komplex und aufwändig von vielen verschiedenen Instrumenten wie Webseiten, Formularen, Online-Tools oder Interfaces ausgeführt wurden:

Holistik: Apps übernehmen ganze Prozesse und begleiten den Kunden von der Wahrnehmung bis zur Kauf- oder Investitionsentscheidung. Zumindest klassische Funktionen wie Zahlungsverkehr, der Kontoführung etc. werden heute schon von Banking Apps wie beispielsweise Outbank mühelos ausgeführt.

Aggregation und Aufbereitung: Apps sind kleine Schaltzentralen der Datenaggregation. Ihre Icons ersetzen die flimmernden Kursscreens an der Börse und ihr Pocket-Format macht sie allgegenwärtig. Apps wie Finanzen100 oder OnVista gestatten es Nutzern, sich selbst ein personalisiertes Informationsradar zusammenzustellen und sich mit Finanznews á la carte zu versorgen.

Transaktion: Derzeit liefern sich viele verschiedene Payment-Apps ein Wettrennen um die Pole-Position in der Hosentasche. Smartphone Apps wie IGaranti befähigen Nutzer sogar, selbst Investitionen auszuführen oder Partnerprojekte zu starten.

Interaktion: Apps verbinden Banker mit Kunden, Kunden mit anderen Kunden – oder sie machen den Kunden sogar zur Bank, indem sie wie payfriendz beispielsweise Zahlungen oder Kredite zwischen Nutzern vermitteln (Peer-to-peer). Vor allem bei der Interaktion zeigen Apps, dass sie eine Art Bypass zu «klassischen Banken» sein können.

Banking zweiter Ordnung: Der Faktor Mensch als Kapital

Das so genannte Riepl’sche Gesetz besagt, dass kein gesellschaftlich etabliertes Instrument des Informationsaustauschs von anderen vollkommen ersetzt oder verdrängt wird. Gleiches scheint für die Institution Bank zu gelten. Das liegt an den besonderen Stärken mancher Banken, strukturellen Eigenschaften des Finanzsektors – und den häufig unterschlagenen Schwächen der heutigen App-Welt:

Grössere Rechenleistungen innerhalb der App sind die seltene Ausnahme. Hier bremst die Smartness – und häufig einfach der schlechte Empfang. Apps übernehmen Funktionen, bei denen die quantitativen Leistungen durch intelligenten elektronischen Datenverkehr ersetzt werden können. Bei qualitativen Leistungen wie individueller Beratung, persönlichem Risikoverhalten oder ethischen Anlage-Prinzipien ist und bleibt der «Human Factor» des Bankgeschäfts klar im Vorteil. Apps stellen keine Sinnfragen, Apps setzen sich nicht mit persönlichen Anlagemotiven auseinander, Apps interpretieren nicht den menschlichen Faktor fast aller Geldgeschäfte. Doch genau das wünschen sich selbst die Digital Natives von ihren Finanzdienstleistern, wie eine Studie der Universität Hohenheim zeigt. Für den Moment werden Apps auch im mobilen Zeitalter die Institution Bank nicht verdrängen, sondern verändern: Stark quantitative Geschäftsmodelle verlieren tendenziell oder entwickeln neue, intelligente Ergänzungen zwischen digitaler Welt und Kundenmanagement. Die App bildet hier gleichsam das mobile «Frontend», die eigentliche Bank das «Backend» mit hochqualifizierten Beratern, einem verlässlichen juristischen Rahmen und vor allem einer anderen Vertrauensbasis als die bunte Welt der Apps.

Der LGT Private Banking Report zeigt, dass gerade im Zeitalter der Digitalität und Mobilität persönliche Beratung und Vertrauen zur eigentlichen Währung im anspruchsvollen Bankgeschäft werden. Dieses «Management von Vertrauenskapital», verbunden mit einer technischen und kulturellen Annäherung an die digitale Welt ist eine Chance für Banken, die den Fokus auf den Faktor Mensch ausrichten – bei Kunden ebenso wie bei Mitarbeitern. Dieses «Banking zweiter Ordnung» könnte von der inflationären mobilen Welle sogar profitieren.

Die «Bank als App» ist also zumindest für Banken mit besonderen Beratungs- und Anlageleistungen Unsinn. Die Bank ohne App (bzw. mobiler Strategie) ist aber in Zukunft unmöglich.

Leselink:

  • Profunde Einblicke und Übersichten zu mobile Banking bietet der Blog FinancezweiNull von Boris Janek.
Es gibt 5 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Sinnfrage: Die Bank als App? « Digitale Klarheit
  2. Gregor on Tour at 09:08

    Natürlich, als Bank in Liechtenstein, die bekannt für Vermögensverwaltung ist, gewinnt man keine neuen Kunden, weil man eine App anbietet. Überhaupt geht es nicht darum eine App zu haben. Es gibt so viele unnütze Apps, die entwickelt wurden sind, um eine zu haben.

    Die Frage ist, wie kann ich meinem Kunden einen Nutzen bieten, an dem er nicht vorbei kommt (auch wenn er heute noch nicht das Bedürfnis hat – weil er vielleicht noch keine Kenntnis hat, dass es so etwas gibt).

    Via Smartphone Überweisungen tätigen und Kontoumsätze prüfen ist für viele Bankkunden ein wichtiger Nutzen. Hier bieten einige Banken recht gute Lösungen an. Es gibt aber auch wirklich schlechte Umsetzungen.

    Ob es eine App oder eine mobil-optimierte Webseite ist, ist nicht entscheidend. Entscheidet für den Kunden ist in erster Linie die Bequemlichkeit.

    Seit Monaten ist zu beobachten, dass Anbieter auf den Markt kommen, die App-Lösungen anbieten, die es beispielsweise ermöglichen mit wenigen Klicks Banküberweisungen zwischen Menschen sehr leicht zu machen. Stichworte: number26, avuba, cringle.

    Viele Banken haben die schwer-merkbaren IBANs zur Pflichteingabe gemacht, statt nach wie vor die nationalen Kontonummer zu akzeptieren. Diese Kundenunfreundlichkeit spielt bank-externen Anbietern, die Banking vereinfachen wollen mächtig in die Hände. Wenn die Bank dann selbst kein oder kein bequemes mobiles Banking anbietet, dann muss sie sich nicht wundern, dass sie in die zweite Reihe abrutscht.

    Genau hier liegt die Gefahr für kontoführende Banken: Apps von Drittanbietern werden die virtuelle Darstellung des Zahlungsverkehrs sowie Finanzauswertungen übernehmen. Die Bank mit ihrer teuren Infrastruktur wird nur noch Ausführer werden.

    Der Bankkunde, der vielleicht sowieso nicht mehr gerne in Filialen geht, weil er auf Verkäufer statt Berater trifft, wird sich auch nicht mehr ins Online-Banking der Bank einloggen (auch hier gibt es Tendenzen Kunden mit Werbung zu „belästigen“), sondern geht über eine moderne App eines Drittanbieters.

    Damit wird fast egal, bei welcher Bank er ist. Und haben die Drittanbieter erst mal genügend Marktmacht, dann werden sie schon die passende Bank zur App empfehlen. Schließlich ist die App wichtiger geworden aus die ausführende Bank!

    Eine vermögensverwaltende Bank mit einem Kundenmeridian von 60 Jahren, muss sich keine Sorgen machen. Aber in zunehmenden Maße girokontoführende Banken. Die Herausforderung liegt darin, dass viele Entscheidungsträger bei Banken ebenfalls 60+ sind und wenig Smartphones fürs Banking benutzen und deswegen einer echten Entwicklung skeptisch gegenüberstehen.

    Hätten die Banken ihre Hausaufgaben gemacht, würde es heute nicht so viele Drittanbieter geben. Noch sind Banken jedoch in einer Position, von der aus sie hervorragend gegensteuern könnten. Doch die Zeit läuft.

  3. Florian Semle at 10:56

    Hallo Gregor on Tour,

    vielen Dank für diese interessanten Kommentare – das würde ich weitgehend so unterschreiben.

    Wo man etwas anders denken sollte als die aktuelle Debatte es tut: Es gibt eben nicht „die Bank“ sondern innerhalb dieses Sammelbegriffs verschiedene Geschäftsmodelle, die jeweils anders betroffen sind. Das „Bankschaltermodell“ als Massenprodukt kann sicher in weiten Teilen bald durch mobile Anwendungen ersetzt werden, obwohl es sicher hier auch innovative Nischen gäbe.

    Je hochwertiger und individueller die Bankleistung, desto weniger ist sie in Gefahr, durch technische Dienste wie Apps weg rationalisiert zu werden.

    Eine spannende Frage, die einen separaten Blogpost wert wäre: In wieweit braucht es Banken als Rechtsinstitutionen? Hier sehe ich noch natürliche Limitierungen für die digitale Konkurrenz von außen, insbesondere in Datenschutzfragen. Allerdings haben sich Google, Apple und Amazon bereits Banklizenzen gesichert und sicher wird hier in den kommenden Jahren eine weitere Wettbewerbsarena eröffnet.
    Oder wie Sie es formuliert haben: Die Zeit läuft.

    • Gregor on Tour at 11:46

      Ja, dass wäre sicherlich ein interessanter Beitrag, denn über „Bank als Rechtsinstitutionen heute und künftig“ würde ich gerne etwas lernen 🙂

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