Geldgeschichten

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Sparvereine: Das Geld beim Wirt anlegen

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08.08.2017 - Geldgeschichten:

Obwohl ihr Niedergang schon vor Jahrzehnten eingesetzt hat, gibt es noch immer ziemlich viele. Finanzkrise und Gesetzgeber beschleunigen nun aber deren Talfahrt.

Mein Grossvater ging zum Sparen ins Wirtshaus. Dort liess er jeden Freitag eine Zehn-Schilling-Münze durch den Schlitz unter der Nummer 23 in den Sparschrank klimpern, bevor er sich selbst ein Bier und uns Kindern ein Kracherl spendierte. Ich habe nie herausgefunden, ob mein Grossvater wegen das Sparens ins Gasthaus ging oder wegen der Gesellschaft, die er dort antraf.

Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet, waren die Sparvereine für Arbeiter oft die einzige Möglichkeit, Geld auf die Seite zu legen. Die Banken hatten sehr begrenzte Öffnungszeiten und akzeptierten als Spareinlagen oft nur Mindestbeträge, die für Arbeiter viel zu hoch waren. Gemeinsam zu sparen, war zudem für viele ein zusätzlicher Ansporn.

Es gibt keine genauen Zahlen, aber in Deutschland muss es hunderttausende von Sparvereinen gegeben haben. Alleine in Hamburg sollen Mitte der 1960er-Jahre 185 000 Einzahler ihren Spargroschen in einen Schrank der 2800 Sparvereine gesteckt haben. Diese hingen nicht nur in Gaststätten an der Wand, sondern auch im Tante-Emma-Laden, wo man dann gleich das Wechselgeld einwerfen konnte. Die Firma Nordia, der grösste deutsche Hersteller von Sparschränken, hat zwischen 1922 und 2009 alleine über 800 000 der Kästen hergestellt. Um die Jahrtausendwende sollen davon noch mindestens 250 000 im Einsatz gewesen sein.

Doch Ende letzten Jahres hat Nordia die Produktion eingestellt. Warum lange auf das Wunschobjekt sparen, wenn es dank Krediten sofort erschwinglich ist, lautet schon lange die Devise. Und weil es im Nachgang der Finanzkrise ohnehin keine Zinsen mehr für das Ersparte gibt, kehren noch mehr Einzahler ihrem Sparverein – und damit auch dem Wirt – den Rücken.

Ebenso die Banken, die im Geschäft mit den Sparvereinen keine Verdienstmöglichkeiten mehr sehen. Die österreichische Bawag hat den von ihr betreuten Sparvereinen 2016 die Kündigung geschickt. Das Geschäft habe sich innerhalb weniger Jahre halbiert, lautet die Begründung, und zudem könne man die vom Gesetzgeber geforderten neuen Meldepflichten nicht mehr erfüllen. Diese empfinden wohl auch viele Sparer als Zumutung, was den Rückgang der Sparvereine noch weiter beschleunigen und damit auch viele Wirte in Bedrängnis bringen wird. Diese durften bei jeder Einzahlung einen ausschenken – und bei der jährlichen Auszahlungsrunde wohl auch einen oder zwei mehr.

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