Spekulation: Fast alle tun es

Spekulation: Fast alle tun es 

Absicherung und Spekulation sind zwei Seiten der gleichen Medaille.

André Kostolany, der legendäre ungarische Börsenguru, hatte eine klare Meinung: «Wer viel Geld hat, kann spekulieren. Wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren. Wer kein Geld hat, muss spekulieren». Ein schönes Bonmot. Aber sind wir nicht alle beinahe täglich Spekulanten – unabhängig davon, wieviel Geld uns zur Verfügung steht? Ein Beispiel: Der Öltank ist noch halb voll, aber man erwartet steigende Heizölpreise. Jetzt zu kaufen, obwohl man noch zuwarten könnte, ist bereits spekulativ. Ein anderes Beispiel: Die Kinder sind ausgeflogen und die Eigentumswohnung ist zu gross geworden. Soll man jetzt verkaufen? Wohl kaum, wenn man weitere grosse Preissteigerungen am Immobilienmarkt erwartet. Und ist damit bereits ein Spekulant. Spekulation bedeutet nichts anderes, als einen finanziellen Vorteil erzielen zu wollen, wenn eine erwartete Preisentwicklung tatsächlich eintritt.

Das Wort kommt vom lateinischen «speculare», was mit «aus der Höhe in die Ferne spähen» übersetzt werden kann. Aus der Höhe hat man bekanntlich den besseren Überblick, weiss mehr und sieht weiter als andere. Spekulanten hoffen, durch überlegenes Wissen zutreffende Prognosen über künftige Preisentwicklungen zu machen. Sie versuchen, vermutete Fehleinschätzungen der anderen Marktteilnehmer – beispielsweise über den Preis einer Aktie – zu erkennen und von einer Preiskorrektur zu profitieren. Trifft die Prognose ein, resultiert ein Spekulationsgewinn. War sie falsch, entsteht ein Verlust.

Kritiker meinen, dass Spekulation die Kursschwankungen an den Finanzmärkten erhöht, gefährliche Blasen verursacht und die Preise von Agrarprodukten in die Höhe treibt. Die meisten Ökonomen sehen dies anders: Spekulanten erfüllen eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion. Sie übernehmen Risiken und ermöglichen anderen Marktteilnehmern, ihre Positionen abzusichern. Beispielsweise kann der Weizenproduzent seine im Herbst fällige Ernte schon im Frühling zu einem festgelegten Preis verkaufen. Dies gibt ihm eine klare Kalkulationsgrundlage. Der risikoscheue Anleger kann hingegen durch einen Terminverkauf seine Fremdwährungsposition vor Schwankungen absichern.
Wer sich absichert, will Kursverluste vermeiden, vergibt aber die Chance auf Kursgewinne. Wer spekuliert, will Kursgewinne erzielen, muss aber auch entsprechende Risiken tragen. Absicherer und Spekulant, beide braucht es, beide sind aufeinander angewiesen. Und die meisten von uns sind beides. Dies sollte bedenken, wer wieder einmal über «die Spekulanten» schimpft.

Leselinks:
Die Sicht der Landwirtschaft auf «die Spekulanten» (22.5.2012)
Christine Bortenlänger stellt im Handelsblatt die Frage: Sind wir böse Spekulanten? (2.8.2012)

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 22. Januar 2014 | Die Börsenblogger

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