Mein Job: Ein Kinderspiel

Mein Job: Ein Kinderspiel 

Mehr Produktivität, mehr Vielfalt, mehr Leistung: Am letzten TEDxZurich Event plädierte Unternehmerin Alexandra Mandoki für mehr Spiel in der Arbeit.

Wann haben Sie das letzte Mal am Arbeitsplatz gespielt?

Ja, Sie haben richtig gelesen: am Arbeitsplatz. Ist Ihre Antwort „noch nie“, dann sind Sie nicht alleine. Dabei bräuchten wir alle mehr Verspieltheit – nicht nur am Wochenende und im Urlaub, sondern auch im Alltag, und besonders im Job. Das ist eine der wahrscheinlich spannendsten Erkenntnisse der letzten TEDxZurich Konferenz.

Alexandra Mandoki warf die Frage nach dem Spiel bei der von der LGT gesponserten TEDxZurich Veranstaltung in die Runde, und mehr als 500 Gesichter schauten ratlos zurück. So mancher dachte sich wohl: „Spielen? Wir sind doch keine Kinder mehr.“ Genau darauf wollte Mandoki, die Unternehmerin, Beraterin und Dozentin mit ungarischen Wurzeln, bei ihrem inspirierenden Talk hinaus: Wir werden darauf getrimmt, unsere Kindheit und damit das Spielen hinter uns zu lassen. Das will Mandoki nicht hinnehmen: „Ich möchte Sie gerne dazu ermuntern, weiterzuspielen – vor allem wenn es um Business geht.“

 Unternehmerin und Dozentin Alexandra Mandoki
Unternehmerin und Dozentin Alexandra Mandoki

Gegen Stress und Ineffizienz

Wörterbücher listen als Antonym zu „spielen“ als Erstes „arbeiten“ auf. Wenn es um Kinder geht, ist die Idee weitläufig akzeptiert, dass Spiele Kreativität, Flexibilität und soziale Intelligenz fördern, und dass sie sogar helfen, Neues zu lernen. Kaum ist es aber ein Erwachsener, der spielt – und dann noch am Arbeitsplatz – wird Spiel zu einem Symptom von Faulheit, Weltfremdheit, Langeweile, Unkonzentriertheit. Verspieltheit sollte ein seriöser Erwachsener zusammen mit seiner Kindheit wie eine zu eng gewordene Jacke abstreifen. Dabei wäre es längst überfällig, die beiden Begriffe zu vereinen statt einander wie so üblich gegenüberzustellen.

Was alle Spiele gemeinsam haben, ist, dass sie ein Gefühl von Engagement und Vergnügen vermitteln, den Spieler Zeit und Raum vergessen lassen und das Erlebnis vor dem Ergebnis Priorität hat.

Stuart Brown, Psychiater

Spiele sind unglaublich vielfältig und unterschiedlich, was eine allgemeingültige Definition schwierig macht. Spielen können wir Fussball, Schach, Karten, Verstecken, Nintendo, Rollen, Klavier. Der amerikanische Psychiater Stuart Brown fasst diese verschiedenen Aktivitäten so zusammen: „Was alle Spiele gemeinsam haben, ist, dass sie ein Gefühl von Engagement und Vergnügen vermitteln, den Spieler Zeit und Raum vergessen lassen und das Erlebnis vor dem Ergebnis Priorität hat.“ Vergnügen? Die Zeit vergessen? Das Erlebnis ist wichtiger als das Ergebnis? Das klingt so gar nicht nach Karriere und Leistung.

Die Forschung widerlegt dieses Urteil. Spiele am Arbeitsplatz beschleunigen den Lernprozess, fördern die Kreativität, machen produktiver und erhöhen die Arbeitszufriedenheit. Laut einer Studie fühlen sich beispielsweise Erwachsene, die sich selbst als spielerisch bezeichnen, weniger gestresst in ihrem Job. Lynn Barnett, Forscherin und Autorin der Studie, erklärt diesen Unterschied damit, dass spielerische Erwachsene besser darin sind, Probleme erstmal nicht aufzublasen, sondern sie nüchtern zu betrachten und zu analysieren, bevor sie dann aktiv angepackt werden. Die spielerischen Arbeitskollegen mögen gleich viel Grund zu Stress haben wie alle anderen, reagieren aber ruhiger darauf. Kurzum: Sie sind belastbarer.

Stuart Brown erklärt gar, dass Spielen ein menschliches Grundbedürfnis wie Schlafen ist. Spielen wir zu wenig, habe das Auswirkungen auf unsere Konzentration und Gesundheit. Die Lösung: Spiele aktiv in den Alltag einbauen statt auf den nächsten Urlaub zu warten. „In den Alltag einbauen“, das heisst auch in die Arbeit. Alina Dizik, Autorin und Journalistin beim Wall Street Journal und der BBC, hat beobachtet, dass die geeignetste Zeit zum Spielen am Arbeitsplatz die unproduktivsten Zeiträume sind. Statt sich nach der Mittagspause vergeblich zu konzentrieren und in langer Zeit nur wenig zu leisten, lassen sich die eigene Konzentration und Kreativität durch Spiele ankurbeln. Die Belohnung danach: Man geht mit erneuter Frische an die Arbeit oder packt ein Problem mit einer anderen Perspektive an. Die Zeit, die vermeintlich ans Spielen verloren geht, wird so durch die verbesserte Qualität der Arbeit wieder ausgeglichen.

Spielen wie die CIA

Weshalb nützen Spiele der Kreativität? Beim Spielen verstummt unser innerer Editor, diese psychologische Barriere, die Gedanken und Ideen zensiert. Wir wollen an ein Ziel gelangen, probieren aus, vielleicht versagen wir und versuchen es erneut. Scheitern hat keine Konsequenzen. Dieser sichere Rahmen gibt das nötige Selbstvertrauen, der eigenen Intuition zu folgen. Nicht nur die Kreativität, sondern auch die Konzentration profitiert vom gelegentlichen Spiel. Mihály Csíkszentmihályi, ein renommierter Psychologieprofessor, hat dem mentalen Zustand von komplettem Fokus bei extrem hohen Anforderungen einen Namen gegeben: „flow state“. Dieses Gefühl der völligen Absorption in eine Tätigkeit ohne jegliche Ablenkung erreichen geübte Spieler besonders leicht – auch bei der Arbeit. Spielen heisst auch, dass sich die persönliche Motivation nicht nur aus dem Ziel speist, sondern auch aus dem Weg. Ich spiele, weil mir der Prozess Freude bereitet, hier und jetzt. Für einen spielerischen Mitarbeiter werden Pflicht und Vergnügen eins. Welch treffendere Definition gibt es für motivierte Kollegen?

Ausserdem erleichtern Spiele den Lernprozess – statt sich passiv zurückzulehnen und Resultate aufzunehmen und wiederzugeben, ist jeder einzelne aktiv involviert und testet sein theoretisches Wissen praktisch aus. Bei komplexen Sachverhalten und Prozessen ist dieser spielerische Lernprozess äusserst dankbar. Die CIA hat sich das zunutze gemacht: Volko Ruhnke, ein CIA Nationalsicherheitsanalyst und Spieldesigner, hat ein Brettspiel kreiert, das der amerikanische Geheimdienst für seine Mitarbeitertrainings nutzt. Das Spiel konfrontiert die Teilnehmer mit militärischen, politischen und wirtschaftlichen Problemen während des Afghanistankonflikts. Sie müssen verschiedene Rollen und damit Blickwinkel und Weltansichten übernehmen, sie müssen verhandeln, miteinander kommunizieren und neue Lösungen für alte Probleme finden. Ein perfektes Beispiel also für Mandokis Plädoyer für mehr Spiele bei der Arbeit.

Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden. Wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.

George Bernard Shaw, Literaturnobelpreisträger

Mandoki schloss mit der Beobachtung, dass geniale Kreationen und Erfindungen meistens von spielerischen Denkern stammen – Amadeus Mozart, Alexander Fleming, Francis Crick und James Watson sind nur einige Beispiele. Auch sie wurden oft als kindliche Charaktere beschrieben. Um kreativ und produktiv zu sein, müssen wir unsere Kindheit also nicht einfach abstreifen und hinter uns lassen. Mit Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaws Worten ausgedrückt: „Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden. Wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.“

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