Staatliche Konjunkturpolitik: Helikoptergeld durch die Hintertür

Staatliche Konjunkturpolitik: Helikoptergeld durch die Hintertür 

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Der Begriff «Helikoptergeld» kreist derzeit über den Wirtschaftsredaktionen und Think Tanks der Ökonomie. Aus dem theoretischen Gedankenspiel eines Nobelpreisträgers ist nach Jahren «unorthodoxer» Geldpolitik ein fantasieanregendes Schlagwort geworden. Was ist wirklich dran an der Idee, das Geld der Zentralbanken direkt an die Bürger auszuschütten?

EZB-Präsident Mario Draghi nannte das Helikoptergeld kürzlich immerhin ein «interessantes Konzept aus akademischen Kreisen», das mit Hinsicht auf seine legale Umsetzbarkeit «beobachtet» und «geprüft» werden müsse. Japans Notenbank-Chef Haruhiko Kuroda klang da schon verbindlicher: Helikoptergeld sei in Japan «illegal» und «verfassungswidrig». Dabei ist der Euroraum in der Praxis wohl am weitesten davon entfernt, das Konzept umzusetzen, während Japan trotzdem die Umsetzung einiger seiner Aspekte vorbereitet.

Seien wir jedoch realistisch: Nirgendwo verteilen die Notenbanken frisch gedrucktes Geld direkt an Haushalte, und die Wahrscheinlichkeit, dass dies eines Tages geschehen wird, ist überall extrem gering. Der gewünschte Effekt kann nämlich auch mit weniger umstrittenen und historisch bereits bewährten Mitteln erreicht werden.

Helikoptergeld: Worum geht es eigentlich?

Zur Zeit «parken» viele Geschäftsbanken immense Geldsummen bei der jeweiligen Notenbank. Damit durchkreuzen sie die Politik vieler Zentralbanken, mittels quantitativer Lockerung (QE) die Investitionen und den Konsum und damit das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

Zur Erinnerung: Der Sinn expansiver Geldpolitik besteht immer darin, eine Gruppe von überdurchschnittlich unternehmerischen, risikobereiten oder konsumfreudigen Menschen dazu zu motivieren, das Notenbankgeld in Form von Krediten in die Hand zu nehmen und es zu investieren oder sonstwie auszugeben. Nur so wird dieses Geld Einkommen einer anderen, weniger risikobereiten Gruppe von Menschen. Nur so erhalten weniger risikobereite Arbeitnehmer zusätzliche Einkommen, kommen Arbeitslose zu bisher nicht angebotenen Jobs oder steigern Verkäufer von Konsumgütern und Hersteller von Industriemaschinen ihre Umsätze. Soweit, so gut.

Gemessen an diesem Zweck war der Erfolg von QE bisher bescheiden: Es hat nämlich nur indirekt auf die Realwirtschaft gewirkt, nämlich primär über die veränderten Erwartungshaltungen der Finanzmarktteilnehmer. Die eigentlich angesprochenen Akteure – Banken, Unternehmer, Konsumenten – halten sich in den meisten betroffenen Ländern weiterhin zurück. Wachstum und Inflation bleiben überall schwach (mit Ausnahmen wie Schweden, wo eine sehr konsequente QE- und Negativzinspolitik betrieben wird).

Generell scheinen nur wenige Wirtschaftsakteure gewillt zu sein, die Risiken der Kreditvergabe und -aufnahme einzugehen – ausser für Finanzinvestitionen. Den Unternehmern ist der Geschäftsausblick zu unklar und volatil. Die Banken sagen, in einem derartigen Umfeld gäbe es nicht genügend lohnende Projekte.

Den Konsumenten wiederum sind Jobs oder Pensionen nicht sicher genug – deshalb sparen sie lieber. Jeder hat gute Gründe, das Geld lieber liegen zu lassen – selbst dann, wenn es keine Zinsen abwirft oder sogar Zinsen kostet.

Was würde Keynes dazu sagen?

Doch bevor wir deswegen gleich an den Geldsegen vom Himmel denken, sollten wir uns lieber das Kernargument des Keynesianismus vor Augen führen. Es besagt, dass es Situationen gibt, in denen die privaten Wirtschaftsakteure nicht in der Lage und Willens sind, den Karren aus dem Schlamm zu ziehen. In solchen Fällen muss eben der Staat einspringen – und dieser sollte am besten klotzen, nicht kleckern.

Keynes’ Idee von der grosszügig kreditfinanzierten Wachstumspolitik hat freilich Kritiker und Gegner. In den meisten Industrieländern zählen sie derzeit sogar zur Mehrheit. Aber betrachten wir seine Idee doch im heutigen Negativzinsumfeld:

Die zunehmend negativen Marktzinsen führen dazu, dass erhöhte Staatsausgaben die öffentlichen Haushalte letzlich – via erhaltene Negativzinsen auf den Schulden – sogar entlasten könnten. Derzeit notieren weltweit Staatsanleihen mit negativen Umlaufrenditen im Gesamtwert von 13,7 Billionen US-Dollar – mehr als die Hälfte davon sind japanische Obligationen. Noch zu Beginn des Jahres waren es nur drei Billionen US-Dollar. Der Trend zu negativen Marktzinsen wurde durch die geldpolitischen Schritte der Notenbanken Japans, Schwedens und Europas zwischen Januar und April dieses Jahres deutlich verstärkt.

Gleichzeitig machen moralisierende Abhandlungen über die «Bestrafung von Sparern» auf Sicht immer weniger Sinn, wenn nicht ausreichend neue Realinvestitionen getätigt werden und kein zusätzlicher Wohlstand entsteht. Vom Bestand allein kann keine Gesellschaft ewig leben. Wenn die realwirtschaftliche Zurückhaltung der Privatwirtschaft weiterhin anhält, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis der politische Konsens für eine aktive Konkjunkturpolitik tatsächlich da ist.

In diesem Sinne ist es durchaus möglich, dass das passiv geparkte Notenbankgeld am Ende doch noch den direkten Weg zum Geldbeutel der Normalbürger findet – via erhöher staatlicher Konjunkturprogramme und ganz ohne Helikopter.

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 10. Juni 2016 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 12. Juni | Pipsologie

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