Staatsanleihen: Waterloo oder der Abschied von Gewissheiten

Staatsanleihen: Waterloo oder der Abschied von Gewissheiten 

Der Staat ist stets solvent und Staatsanleihen sind die rettenden Anker in der Not, die jedem Portfolio Halt in schwierigen Zeiten versprechen. Dieses kleine Einmaleins der Staatsanleihen geht jedoch für viele Investoren nicht mehr auf.

Napoleon Bonaparte erlebte sein Waterloo mit Staatsanleihen. Die britischen Truppen, die sich seiner Grande Armée an jenem Junimorgen des Jahres 1815 in den Hügeln um das belgische Dörfchen Waterloo entgegen stellten, waren zum Teil durch Anleihen des britischen Staates finanziert worden. Auf dem Schlachtfeld in Waterloo siegten die standhaften Briten nebst Verbündeten und den heran eilenden Preussen, obwohl Napoleon bereits als der sichere Sieger schien. An den Finanzmärkten triumphierten damals all jene, die mit ihren Staatsanleihen die britische Mobilisierung erst ermöglicht hatten. Waterloo ist heute für die einen der Inbegriff der Niederlage, für die anderen das Symbol für einen triumphalen Sieg entgegen aller Erwartungen. Auch Staatsanleihen entwickeln diese Ambivalenz.

Sie sind die Schuldscheine, mit denen Staaten ihren Haushalt, dessen Defizit oder ausserordentliche Investitionen finanzieren. Dank kontinuierlicher Steuereinnahmen geniessen Staaten bei Banken und institutionellen Investoren eine meist erstklassige Bonität. Vor allem US-Staatsanleihen werden aufgrund der Wirtschaftskraft der USA als praktisch risikofrei angesehen und sind entsprechend begehrt.

Allein die Tatsache, dass es sie gibt, hat sich beruhigend auf das Weltfinanzsystem ausgewirkt, weil Grossinvestoren oder die Finanzchefs von Unternehmen wussten: In kritischen Situationen wartet auf ihr Geld ein sicherer Hafen vor finanzpolitischen Turbulenzen.

Doch genau in dieser Sicherheit liegen die Ursachen für Risse im Nimbus der Risiko-Freiheit: Wenn viele Anleger unter das Schutzschild staatlicher Anleihen fliehen, steigen deren Kurse; sie werden aber anfällig für Kursverluste, wenn das allgemeine Zinsniveau wieder ansteigt. Das einstige «Segment für Langeweile» verzeichnet inzwischen ebenfalls starke Preisausschläge und abrupte Marktbewegungen – und mit ihm die Wertentwicklung von Fonds oder die Zinspolitik von Privat- und Geschäftsbanken, die dieses Risiko an andere Kreditnehmer weiter geben. Mit dem wachsenden «Risiko bei den Risikolosen» müssen auch Investoren rechnen und sich von der Gewissheit des sicheren Hafens verabschieden. Auch die Staatsanleihen von Waterloo machten einige reich, den Unterstützern der Franzosen bescherten sie eine katastrophale Niederlage.

Leselinks:

  • Andreas Neinhaus setzt sich auf NeverMindTheMarkets mit dem Anleihenkauf durch die Europäische Zentralbank auseinander (30.11.2015): Wirkt «QE» in Europa?
  • Gerald Braunberger untersucht auf dem Fazit-Blog die jüngsten Schwankungen bei Staatsanleihen (08.06.2015): Herdentreib auf dem Anleihemarkt
Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 15. Dezember 2015 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Staatsanleihen: Waterloo oder das Ende der Gewissheit « Digitale Klarheit

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.