Schulden verschwinden nicht einfach

Schulden verschwinden nicht einfach 

Die staatlichen Unterstützungsmassnahmen im Zuge der Ausbreitung des Coronavirus haben ein beachtliches Ausmass erreicht. Im Nachhinein scheint es, dass es wichtiger war, etwas zu tun, als das Richtige zu tun. Mittlerweile hat sich der Staub ein wenig gelegt. Ungeachtet der Diskussion, ob nun die Gesundheit oder die Wirtschaft wichtiger ist, klafft nun ein Loch in den Staatskassen.

2020 wird für die Bürger ein teures Jahr. Aus Angst vor einer unbekannten Krankheit, die ihren Ursprung wahrscheinlich in China hat, haben Entscheidungsträger rund um den Globus in bisher beispiellosen Dimensionen reagiert. Zum Schutze der Volksgesundheit ist die Bewegungs- und Wirtschaftsfreiheit stark eingeschränkt worden und die politische Handlungsmacht wurde damit maximal ausgereizt – sowohl in despotisch geführten Staaten als auch in westlich-freiheitlichen Demokratien. Das Gesundheitsrisiko hat sich damit zu einem Wohlstandsrisiko entwickelt – was ob dem ursprünglich geringen Wissensstand in Bezug auf die Bedrohung auch nicht grundsätzlich verwerflich ist.

Die Folgen im weltweiten Handelswesen liessen nicht lange auf sich warten: Der Zusammenbruch der Lieferketten hat zu einer extremen Unsicherheit an den Beschaffungsmärkten geführt. Aufgrund von Ausgangssperren sind manch physische Märkte gar komplett zusammengebrochen. Aus Angst vor einer Krankheit hat sich eine Panik vor dem totalen wirtschaftlichen Kollaps entwickelt. Angesichts der drohenden Gefahr einer mit Absicht herbeigeführten wirtschaftlichen Katastrophe haben Regierungen weltweit Massnahmen ergriffen, um den ökonomischen Einbruch abzufedern. Diese Massnahmen unterscheiden sich in den verschiedenen Ländern beträchtlich: Von Steuernachlässen über Gratiskredite bis hin zu Geldgeschenken war für alle Wirtschaftsakteure etwas dabei. Doch eines haben die meisten Eingriffe gemeinsam: Finanziert werden sie im Endeffekt durch die Allgemeinheit.

Stilles Wachstum der Staatsschulden

Über die Notwendigkeit und Nützlichkeit der angewandten Massnahmen kann man im Nachhinein streiten. Allerdings bringt das wenig, denn die Gelder sind bereits verteilt worden – und das teilweise mit der grossen Schöpfkelle. So werden alleine die explizit ausgewiesenen massnahmenbezogenen Ausgaben auf Bundesebene in der Schweiz und in Deutschland die Staatsschulden um 2.5% respektive 4% erhöhen, gemessen am Bruttoinlandprodukt. Hinzu kommen implizite Umverteilungen aus anderen Sozialbudgets, die ungleich viel höher als die explizit ausgewiesenen Kosten ausfallen dürften. Schliesslich ist da noch der unangenehmste Punkt, nämlich die geringer ausfallenden Unternehmenssteuern, welche die Staatshaushalte in Bedrängnis bringen werden. Die Ausweitung der Notenbankbilanzen und die teilweise offene Monetarisierung der Schulden, wie im Falle der Bank of England, sei dabei noch gar nicht einkalkuliert.

Dieses ausserplanmässige Schuldenwachstum wird wohl kaum zur Stabilisierung der Staatsschuldenproblematik in der westlichen Hemisphäre beitragen. Vorerst ist die Gefahr von Staatsinsolvenzen gering. Doch das Problem der zunehmenden Staatsverschuldung, das in den letzten Jahren weder gelöst noch aktiv thematisiert wurde, wird damit immer dringlicher.

Alte Patienten und neue Sorgenkinder

Seit der Schuldenkrise in Griechenland wissen wir, dass in der Eurozone im Falle von staatlicher Zahlungsunfähigkeit der Wille zur Unterstützung vorhanden ist, auch wenn eine konsequente Integration der Staatshaushalte noch immer in weiter Ferne liegt. Doch auch andere Euroländer haben eine bedenkliche Schuldenbilanz. Die Wirtschaftsmächte Italien und Frankreich tragen eine massiv höhere absolute Schuldenlast, deren Vergemeinschaftung nicht nur eine grössere Herausforderung wäre als im Falle Griechenlands, sondern wahrscheinlich gar nicht zu stemmen wäre. Das Selbstvertrauen der Eurozone in Schuldenfragen ist und bleibt gewagt.

Weniger Beistand versprechen sich Schwellenländer. Ein Staat, der bereits mit Geldentwertung zu kämpfen hat, hat wenig geldpolitischen Spielraum. In Kombination mit einer wachsenden Schuldenlast bereitet beispielsweise die Fiskalsituation der Türkei, Brasilien und Südafrika Sorge. Gestützt werden diese Staaten von den niedrigen Zinsen und dem globalen Anlagenotstand. Der Handlungsspielraum der Zentralbanken ist de facto nicht mehr vorhanden: Selbst wenn sie unabhängig sind und etwa eine Zinserhöhung beschliessen könnten, würden die resultierenden höheren staatlichen Refinanzierungskosten den Fiskus in Bedrängnis bringen. Eine Ironie, dass man nun mittlerweile von «Zombie-Unternehmen» spricht, die gemäss breitem Konsens lieber nicht mit Rettungsgeldern unterstützt worden wären, weil sie kein funktionierendes Geschäftsmodell haben oder einfach schlecht gewirtschaftet haben. Vielleicht wird es Zeit, auch über «Zombie-Staaten» zu diskutieren, bevor zahlungsunfähige Nationen wieder zum Thema werden. Das Ausfallrisiko von Staatsobligationen ist ein unangenehmes Thema – Anleger sollten diese Gefahr auf der Suche nach Renditen aber nicht ignorieren.

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