Taiwan und China: Wirtschaftlicher Pragmatismus als Blaupause für die Politik?

Taiwan und China: Wirtschaftlicher Pragmatismus als Blaupause für die Politik? 

Am vergangenen Samstag wählten die Taiwaner mit deutlicher Mehrheit die Kandidatin der oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), Tsai Ing-wen, zur Präsidentin.

Erstmals in der Geschichte des Inselstaates gewann die DPP auch eine klare Parlamentsmehrheit gegen die bisher dominierende Kuomintang (KMT). Damit setzte die Bevölkerung Taiwans ein Zeichen für eine selbstbewusste Politik und gegen machtpolitische Einschüchterungsversuche.

Jenseits der Kanonenboot-Politik

Über Taiwan zu berichten kann aus diplomatischer Sicht heikel sein. Offiziell wird die Republik China nur von einer Minderheit der Staatengemeinschaft anerkannt. Die Welt tut so, als gäbe es diesen hochentwickelten, liberal-demokratisch verfassten Industriestaat in Ostasien gar nicht. Gerade erst im Sommer letzten Jahres probten die Marine und Luftwaffe der Volksrepublik China mit Kriegsschiffen, U-Booten und Truppentransportern die Invasion der aus Pekings Sicht abtrünnigen Insel. China setzt diesbezüglich also klare Signale.

Diese konkrete militärische Aktion fand kurz vor dem Besuch des früheren taiwanischen Präsidenten Lee Teng-hui (KMT) in Japan statt (Der als «Vater der Demokratie» Taiwans bekannte Politiker war von 1988 bis 2000 Präsident Taiwans. Unter ihm fanden wichtige demokratische Reformen statt). Als er im Juli 2015 Japan besuchte, wurde er praktisch wie ein Staatsgast empfangen. Er konferierte mit Japans Premierminister Shinzo Abe und sprach vor einem vollgepackten japanischen Parlament.

Japan hatte sich dem Druck Pekings, den Besuch nicht zuzulassen, nicht gebeugt. Doch wie geht es nun weiter?

Die Achse des Selbstbewusstseins

Viele Kommentare werden sich weiterhin auf die chinesisch-taiwanischen Beziehungen konzentrieren und darüber spekulieren, ob die Risiken eines militärischen Konflikts gestiegen sind und welche wirtschaftlichen Konsequenzen anstehen könnten. Angesichts des Aufstiegs China in den letzten Jahrzehnten ist es nachvollziehbar, warum viele Analysten sinozentrisch denken. Gleichzeitig ist die Anzahl der Spezialisten, die sich mit Japan beschäftigen, gesunken.

Das verbesserte Verhältnis Taiwans zu Japan könnte jedoch eine Eigendynamik entwickeln, die für die gesamte Region wichtig werden wird – und die derzeit noch nicht im Fokus von Medien und Politik steht. Denn es ist klar, dass sich die Beziehungen zwischen Taipei und Tokio in Besonderen und zwischen Taiwanern und Japanern im Allgemeinen weiter aufhellen dürften.

So dankte Tsai Ing-wen in ihren ersten Statements nach der Wahl den USA und Japan für die Unterstützung ihrer Heimat. Das sind keine naiv-emotionellen oder zufälligen Gesten. Die Rechtsprofessorin, die unter Lee Teng-hui auch nationale Sicherheitsberaterin der Regierung war, hat einschlägige Erfahrung im Bereich zwischenstaatlicher Beziehungen und der regionalen Sicherheitsarchitektur.

Auch in Tokio gratulierte Premier Abe prompt zum Wahlerfolg, während sein Regierungssprecher das Interesse Taiwans an einem Beitritt zur Transpazifischen Partnerschaft (TPP) willkommen hiess. Kein anderer Regierungs- oder Staatschef hat gratuliert. Die japanischen Medien berichteten ausführlich über die Wahlnacht, während in den USA die Wahl offiziell nur in einer Aussendung des State Department freundschaftlich kommentiert wurde. Die Reaktionen Japans stechen also auch unter Taiwans Freunden deutlich hervor.

In China wurde zu diesem Thema wie üblich geschwiegen und die chinesischen Fernsehnachrichten berichteten stattdessen ausführlich über die Eröffnungszeremonie der neuen, von China geführten Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) – also jener internationalen Finanzinstitution, mit der China gerne seinen neuen wirtschaftlichen Machtstatus demonstriert.

Die jüngsten Entwicklungen könnten schliesslich doch dazu beitragen, dass China angesichts der Realitäten seine aussenpolitische Strategie anpasst und eine pragmatischere Linie einschlägt. Die Kombination aus Säbelrasseln und Betonung wirtschaftlicher Übermacht wirkt schliesslich offensichtlich kontraproduktiv.

Wirtschaftlicher Pragmatismus – ansteckend auch für die Politik?

Kleine Indizien in diese Richtung gibt es. So hat sich Chinas Präsident Xi Jinping erst im November erstmals mit dem bisherigen Präsidenten Taiwans Ma Ying-jeou getroffen – man kann dies als Ausdurck der Unterstützung für den chinafreundlichen Kurs, den Ma repräsentierte, auffassen. Es ist aber auch eine kleine Anerkennung der Existenz Taiwans. Von einem pragmatischen, kooperativen Kurs, der nicht einseitig von den Vorstellungen Pekings bestimmt wird, können alle Parteien nur profitieren.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist ausserdem interessant, dass die taiwanische Börse nicht der chinesischen, sondern der japanischen folgt (siehe Grafik). Derzeit kämpfen die Finanzmärte rund um den Globus mit diversen globalen Ängsten und Unsicherheiten. Doch grundsätzlich gilt weiter: Sobald in Japan die Kurse steigen, geht es auch in Taiwan bergauf.

Und nach dem vergleichsweise starken Einbruch in Taiwan seit Sommer 2015, als Chinas Börsenprobleme und Währungspolitik erstmals globale Verwerfungen auslösten, könnte Taiwan zumindest eine Zeit lang sogar besser laufen, als Japan – und Tokios Börse zählt immerhin seit einigen Jahren zu den besonders starken Märkten.

Aktienbarometer in USD im Vergleich

Grafik_Taiwan

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