Trinkgelder: Einst Bestechung, heute Belohnung

Trinkgelder: Einst Bestechung, heute Belohnung 

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Für die meisten von uns sind es nur ein paar Münzen. Volkswirtschaftlich betrachtet, machen Trinkgelder pro Jahr aber Milliarden-Summen aus. Mehr zu geben, als wir eigentlich müssten, hat eine lange Tradition.

Mancher zieht das grosse Los, ohne jemals in der Lotterie gespielt zu haben. Oumar Maiga aus den USA ist ein solcher Glückspilz. Der Taxifahrer kutschierte wenige Tage vor Weihnachten vergangenen Jahres einen Fahrgast durch Philadelphia. Die kurze Fahrt kostete 4,31 Dollar. Maiga traute seinen Augen nicht, als ihm der Fahrgast 1.000 Dollar Trinkgeld gab. «Ich kümmere mich um Dich», sagte der grosszügige Herr – und stieg zufrieden aus.

Stanislaus Moriani wiederum erinnert sich sehr gut an seinen Job als Kellner in einem Nobel-Restaurant in Monte Carlo. Zusammen mit seinen Kollegen bediente er auf der Terrasse 40 Gäste, die neben einem Drei-Gänge-Menü auch den Grand Prix von Monte Carlo genossen. Rund 70.000 Euro kostete die exquisite Sause. Der Gastgeber rundete grosszügig auf 80.000 Euro auf.

Solche Rekord-Trinkgelder müssen den Gast mit Durchschnittseinkommen natürlich etwas verunsichern. Wie hoch soll das Trinkgeld ausfallen, um weder als Geizhals noch als verschwenderischer Angeber zu gelten? Die Faustformel lautet: rund 10 Prozent in Europa, etwa doppelt soviel in den USA.

Für den Gast oder Kunden macht ein Trinkgeld meist nur ein paar Franken oder Euro aus. Volkswirtschaftlich sind diese freiwilligen Sonderzahlungen aber nicht zu unterschätzen. Allein in Deutschland werden pro Jahr ungefähr zwei Milliarden Euro Trinkgeld in Restaurants und bei Friseuren gegeben. Taxifahrer, Handwerker und andere Trinkgeld-Empfänger gar nicht mitgerechnet.

Warum zahlen wir etwas, zu dem wir eigentlich gar nicht verpflichtet sind? Vielleicht, weil Trinkgeld-ähnliche Zahlungen eine lange Tradition haben und bis in die römische Antike zurückreichen. Unglaublich, aber wahr: Im Mittelalter habe sogar mancher Henker ein «Trinkgeld» von seinem Delinquenten bekommen, damit das Ende nicht so qualvoll ausgefallen sei, weiss der Historiker Winfried Speitkamp. Dieses finale Trinkgeld vor getaner Arbeit hatte dann allerdings eher Bestechungs-Charakter. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert stellen Trinkgelder hingegen eine Art Belohnung für aufmerksamen Service, gute Arbeit und Freundlichkeit dar.

Oft freut ein hohes Trinkgeld nicht nur den Empfänger, sondern auch dessen Arbeitgeber. Denn bis heute ist es mitunter üblich, dass der Chef einen Anteil an der freiwilligen Zahlungen der Kunden erhält. Vor etwas mehr als einem Jahr verklagte in Deutschland eine Toilettenfrau ihren ehemaligen Arbeitgeber auf Auszahlung ihres anteiligen Trinkgelds. Sie bekam Recht – und 1.000 Euro von ihrem Ex-Chef.

Doch längst nicht jeder begrüsste das Trinkgeld. Der Jurist Rudolf von Jhering zum Beispiel veröffentlichte 1882 einen Aufsatz, in dem er drei Unsitten seiner Zeit kritisierte: das Duell, den Leichenschmaus und das Trinkgeld.

Auch heute macht man sich als Trinkgeldgeber nicht überall Freunde, was folgender Kalauer beweist: Wie rächt sich ein Patient an einem arroganten Arzt? Indem er ihm eine Fünf-Franken-Münze oder einen Fünf-Euro-Schein auf den Schreibtisch legt und mit einem fröhlichen «Stimmt so» die Praxis verlässt.

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