Unternehmensfinanzierung: Warum Europa nicht auf Touren kommt

Unternehmensfinanzierung: Warum Europa nicht auf Touren kommt 

Im dritten Quartal dieses Jahres kam das ohnehin geringe Wirtschaftswachstum in der Eurozone zum Erliegen. Im Vergleich zum Vorquartal wurde kein Wachstum erzielt. Einer der Gründe dafür ist, dass die Kreditvergabe in der Eurozone im Argen liegt. Zwar sind die Zinsen bereits seit geraumer Zeit auf dem tiefst denkbaren Niveau und werden in der überschaubaren Zukunft auch dort bleiben, für einen Boom in der Kreditvergabe hat dies bisher jedoch nicht gesorgt: Das Volumen an Bankkrediten in der Eurozone ist seit Ausbruch der Finanzkrise um 592 Milliarden Euro zurückgegangen.

Der Blick in die Details zeigt, dass viele der bereits bekannten Probleme weiterhin bestehen bleiben. So verzeichneten vor allem deutsche und französische Banken eine steigende Kreditnachfrage, während niederländische Banken keine Veränderung feststellten und Banken in Italien einen rückläufigen Bedarf an Bankkrediten bei den Unternehmen ausmachten. Einzig Spanien fällt in der mittlerweile schon zur Gewohnheit gewordenen Unterscheidung zwischen europäischen Kernländern und der Peripherie aus dem Rahmen, denn auch hier waren die Unternehmen wieder verstärkt auf der Suche nach Krediten.

Problematisch bleibt es weiterhin für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), die nicht von einem insgesamt leicht gesunkenen Anforderungsniveau für die Kreditvergabe profitierten. Ihnen steht der Kapitalmarkt als Alternative der Unternehmensfinanzierung in der Regel nicht zur Verfügung. Sie sind deshalb in grösserem Ausmass von der Bankenfinanzierung abhängig als die Grosskonzerne.

Wer die Gläser also lieber halb voll sieht, wird für die gesamte Eurozone zumindest einen kleinen Schritt in die richtige Richtung feststellen. Jemandem, der zuerst auf die leere Hälfte des Glases schaut, wird hingegen nicht entgangen sein, dass die tatsächliche Kreditnachfrage deutlich hinter dem Volumen zurückgeblieben ist, das die Banken noch vor drei Monaten prognostiziert hatten. Hier zeigt sich, dass die Erwartungen, die noch im Sommer mit den angekündigten Programmen der EZB zur Ankurbelung der Kreditvergabe verbunden waren, zu optimistisch waren.

Auch der Verwendungszweck der nachgefragten Kredite deutet nicht unbedingt auf eine nachhaltige Konjunkturerholung hin. Denn mit dem neu aufgenommenen Fremdkapital wurden vor allem Unternehmensübernahmen finanziert oder eine Restrukturierung der ausstehenden Kredite vorgenommen. Die Finanzierung von Anlagekapital ist dagegen zurückgegangen. Dies, so stellt die EZB fest, sei auf die zuletzt gestiegene Unsicherheit hinsichtlich der konjunkturellen Entwicklung insbesondere in der Eurozone zurückzuführen.

An dieser Stelle beisst sich die Katze in den Schwanz. Die Europäische Investitionsbank (EIB), immerhin der grösste multilaterale Kreditgeber weltweit und in der EU für eine Vielzahl von Finanzierungsprojekten zuständig, stellt fest, dass die Fähigkeit vieler Banken, insbesondere KMUs mit Krediten zu versorgen, seit der Finanzkrise stark zurückgegangen ist. Das Unvermögen, die europäischen Unternehmen mit ausreichend Finanzierung zu versorgen, stelle eine zusätzliche Belastung für die ohnehin schon schwache Konjunktur in der Eurozone dar. Mit anderen Worten: Aufgrund der vor sich hin dümpelnden Konjunktur ist die Kreditnachfrage schwach, wegen der unzureichenden Kreditversorgung bleibt die Konjunktur gedeckelt.

Glücklich, wer sich in dieser Situation auf Super Mario verlassen kann. Der Targeted Longer-term Refinancing Operation (TLTRO), mit dem sich die Banken im September zum ersten Mal Geld leihen konnten, erfreut sich zwar noch nicht der Nachfrage, die man sich im neuen Frankfurter EZB-Turm erhofft hatte. Das Volumen von 1.7 Milliarden Euro, das die EZB in einem ersten Schritt in immobilienbesicherte Anleihen investiert hat, ist auch noch recht bescheiden, und bei der EZB verfügt man offensichtlich nicht über ausreichend Expertise, um die ABS-Papiere auszuwählen, die man nun im grossen Stil erwerben will (weshalb nun ausgerechnet Geschäftsbanken mit der Auswahl beauftragt werden sollen). Sicher ist für die EZB trotzdem, dass ein weiteres Mal alles besser wird. Und wenn nicht sofort, dann spätestens, wenn die EZB Unternehmens- und irgendwann auch Staatsanleihen aus der Eurozone direkt kaufen kann.

Eine Frage bleibt dabei störend im Raum stehen: Wenn die grössten Kreditgeber der Eurozone, die sich in der gerade veröffentlichten Bilanzanalyse von der EZB ihre anscheinend ausreichende Kapitalausstattung haben bestätigen lassen, bisher keinen Gebrauch von all den Möglichkeiten der Refinanzierung gemacht haben und sich bei der Kreditvergabe so sehr zurückhalten, könnte dann nicht der Schluss naheliegen, dass die grösseren Probleme gar nicht mehr im Finanzsystem liegen? Sondern dass sie vielmehr in den einzelnen Ländern der Eurozone zu finden sind und struktureller Art sind? Wäre es dann nicht sinnvoll, neben den Symptomen auch deren Ursachen zu behandeln?
Aber das ist wahrscheinlich zu einfach gedacht.

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