Unternehmenssteuern: Mehr Flexibilität gefordert

Unternehmenssteuern: Mehr Flexibilität gefordert 

Eine finanzmarkfreundliche Dekade endete kürzlich. Nun aber tut sich etwas, bei den Zentralbanken und im Bereich Unternehmenssteuern.

Autor: Alex Borer, Co-Head Multi-Asset Solutions LGT Capital Partners

Eine Dekade finanzmarktfreundlicher Bedingungen ging zu Ende. Ganz so einfach war es dennoch nicht gewesen, durchgehend investiert zu bleiben. 2011 drohte das politische Europa auseinanderzufallen, 2018 versagte die Diversifikation und nahezu alle Anlageklassen erlitten Verluste. Zwischenzeitliche konjunkturelle Befürchtungen, abrupte Zinsängste oder geopolitische Spannungen sorgten – mit dem Vorteil der Betrachtung im Nachhinein – nur temporär für Verstimmungen. Sie wurden stets übertüncht durch die generöse Geldpolitik der Zentralbanken unter Einsatz bekannter klassischer und unorthodoxer Instrumente.

Zentralbanken: Es tut sich etwas

Die Entwicklung der Anlagerenditen im letzten Jahr bestätigte diesen Zusammenhang nochmals sehr eindrücklich. Die konjunkturelle Dynamik liess mit beeindruckender Regelmässigkeit nach, während – entgegen der Intuition – die börsennotierten Aktien-, Kredit- und Immobilienmärkte ein Hoch nach dem anderen feierten. Signalgebend war die spektakuläre Kehrtwende der amerikanischen Zentralbank; anstelle von zuvor mindestens zwei erwarteten Zinserhöhungen resultierten 2019 drei Zinssenkungen.

Nach über zehn Jahren üppiger Liquiditätsversorgung werden die Grenzen der aktuellen Geldpolitik offen diskutiert, nicht zuletzt von den Notenbankern selbst. Die Chefs der Zentralbanken in Europa, Grossbritannien und Amerika fordern die Politik unverblümt auf, bereits jetzt oder allerspätestens bei den nächsten konjunkturellen Schwächezeichen, die Budgetdefizite schnell und kräftig auszuweiten. Es entwickelt sich ein Konsens, dass die Realwirtschaft – weniger die schon lange haussierenden Finanzmärkte – mittels grosszügiger Fiskalpolitik angekurbelt werden muss. Budgetdefizite verursacht durch staatliche Infrastrukturprogramme sind gutartig, so gemeinhin die Argumentation. Man darf annehmen, dass somit die Politik und die nur noch theoretisch unabhängigen Zentralbanken alles unternehmen, um realwirtschaftliche Prosperität zu fördern.

Unsere Hauptszenarien sind finanzmarktfreundlich. Als Investor sollte man sich dennoch fragen, wie stark man auf diese Szenarien setzen will, und welche Überraschungen denkbar sind.

Das tönt grundsätzlich vielversprechend. Unsere Hauptszenarien orientieren sich denn auch an den oben beschriebenen Zusammenhängen und sind finanzmarktfreundlich. Als Investor sollte man sich dennoch fragen, wie stark man auf diese Szenarien setzen will, und welche Überraschungen denkbar sind.

Unternehmenssteuern im Fokus

Ein Themenkomplex, welcher durchaus das Potential hat, die Märkte zu beeindrucken, kommt aus der staatlichen Ecke. Es handelt sich um die Reform der Unternehmenssteuern. Weitgehend unbeobachtet von Anlagestrategen und Finanzpresse arbeiten die Wirtschaftsorganisation OECD und die G20-Länder an einer global koordinierten Reform des Unternehmenssteuersystems. Das bestehende Regulativ beruht im Wesentlichen darauf, dass die Unternehmenssteuern in denjenigen Ländern erhoben werden, in welchen die Firmen eine physische Präsenz unterhalten. Im digitalen Zeitalter mit globalisierten Lieferketten wirkt dies zusehends archaisch. Der Übergang zu einem System der Besteuerung in den Kundenmärkten entspricht der realen Wertschöpfung viel eher.

Die Systemanpassung soll die steuerliche Basis verbreitern und das Verschieben von Gewinnen in Tiefsteuerländer erschweren. Zudem werden Mindeststeuersätze angestrebt. Es überrascht nicht, dass die Verteilung des wirtschaftlichen Erfolgs neu verhandelt wird. Die Schuldenquoten der Industriestaaten sind seit der grossen Finanzkrise 2008 kontinuierlich angestiegen. Die Bedienung dieser gemeinschaftlichen Schulden ist nur dank manipuliert tiefer Zinsen gewährleistet. Die Bonität der Unternehmen hat sich dagegen laufend verbessert. Der Unternehmenssektor und speziell deren Eigentümer profitierten davon, dass die Steuersätze sich in den letzten 40 Jahren wettbewerbsbedingt de facto halbiert haben. Man kann durchaus einwenden, dass geringerer Steuerwettbewerb von der Kooperation aller wesentlichen Akteure abhängig und deshalb kaum realisierbar ist. Zu beachten ist aber, dass der zu verteilende Topf insgesamt grösser wird und relevante Länder profitieren.

Es wird den klammen Finanzministern aus praktischen und politischen Gründen schwerfallen, im Alleingang auf höhere Einnahmen zu verzichten. Diese Steuerreform lässt sich nicht über Nacht realisieren. Vieles muss noch verhandelt werden. Bis Ende 2020 darf aber mit konkreten Plänen gerechnet werden, über einhundert Länder arbeiten daran. Langfristig ist mit tendenziell höheren Steuersätzen für Unternehmen und folglich mit Druck auf die Gewinnmargen zu rechnen.

Was tun? Selektiv diversifizierte Multi-Asset-Portfolios, welche flexibel auf veränderte Marktregime reagieren, sind weiterhin eine gute Wahl.

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