Marktausblick: Politische Börsen haben kurze Beine

Marktausblick: Politische Börsen haben kurze Beine 

Inmitten der Corona-Pandemie und sozialer Unruhen werden nun die US-Wahlen an den Finanzmärkten mit grosser Spannung erwartet. Doch sind die Wahlen für die weitere Entwicklung an den Börsen wirklich von grosser Bedeutung? Wahrscheinlich in weit geringerem Masse als die vielen Szenario-Analysen vermuten lassen.

Persönliche politische Präferenzen und Werthaltungen sind zweifellos sehr wichtig. Spekulationen darüber, was an den Börsen nach einem Wahlgang aufgrund des Ergebnisses geschehen könnte, jedoch ein ganz anderes Thema. Denn die Geschichte zeigt, dass Anleger, die überparteilich investieren und keine Seite bevorzugen, langfristig am besten fahren – zumindest in demokratisch regierten Marktwirtschaften.

Überparteiliches Investieren lohnt sich

Liz Ann Sonders, Chefstrategin von Charles Schwab & Co., teilte auf Twitter vor wenigen Tagen folgende Grafik:

Die Abbildung zeigt, hätte man vor 120 Jahren 10 000 US-Dollar in den Dow Jones Industrials Index investiert, wäre das Portfolio heute rund vier Millionen US-Dollar wert. Wer nur zu jenen Zeiten investiert war, als ein Demokrat das Weisse Haus anführte, müsste sich hingegen mit rund einem Zehntel davon begnügen. Wer nur in Republikaner-Zeiten der Börse vertraute, schnitt am schlechtesten ab.

Denken wir kurz an die Präsidentschaftswahlen von 2016 zurück: Donald Trump lag in den Umfragen deutlich hinter der Favoritin Hillary Clinton. Praktisch überall war zu hören, dass bei einem Wahlsieg von Trump die Börsen vorübergehend leiden würden – sei es konkret aufgrund seiner merkantilistisch-protektionistischen Handelspolitik oder allgemeiner aufgrund seiner hemdsärmeligen, unberechenbaren Art. Trump gewann die Wahlen und die Börse boomte weiter. Ein Jahr nach seinem Wahlsieg von 2016 notierte der S&P 500 rund 22% höher – ohne nennenswerte Korrekturen zwischendurch.

Wahlergebnis wird langfristige Börsenentwicklung kaum beeinflussen

In welche Richtung sich die Börsen diesmal nach den Wahlen bewegen, wird mit den konkreten politischen Gewinnern wohl nur peripher zusammenhängen. Das Börsengeschehen wird mittelfristig weiterhin von den grossen wirtschaftspolitischen Parametern getrieben bleiben – und beide Parteien dürften letztlich fiskalisch grosszügig agieren, wenn auch mit ideologisch differenzierten Nuancen in einigen Bereichen. Sollte eine Partei fiskalisch die Zügel zu früh anziehen, dann dürfte die Federal Reserve früher oder später gegensteuern, womit der Gesamteffekt auf die Finanzmärkte ausreichend positiv bleiben würde.

Gewisse Industrien, wie etwa fossile Brennstoffe, könnten unter Biden etwas schneller an wirtschaftlicher Bedeutung verlieren als im Fall eines erneuten überraschenden Trump-Wahlsieges. Das Verhältnis zwischen den USA und China wird aber so oder so angespannt bleiben, auch wenn ein Biden-Sieg einen freundlicheren Umgangston fördern sollte. Das durch technologische Innovationen und Daten getriebene Wachstum wird wohl bleiben – und damit auch die davon angefeuerte Börsenhausse.

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