Verhaltensökonomie oder: Wann man die Party verlassen sollte

Verhaltensökonomie oder: Wann man die Party verlassen sollte 

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Ein Samstagabend im privaten Leben kann auch für Investitionsentscheidungen sehr lehrreich sein. Das Verhalten an den Kapitalmärkten, im speziellen am Aktienmarkt, ähnelt in vielem unseren Party-Gewohnheiten.

Es will wohl niemand ein rauschendes Fest zu früh verlassen und den Höhepunkt einer Party verpassen – und grundsätzlich sollen Partys ja ausgelassen gefeiert werden. Doch möchte man den nächsten Tag geniessen, dann ist der richtige Zeitpunkt für den Abgang entscheidend.

Dies ist mitunter nicht so einfach zu bewerkstelligen: Je länger eine Party dauert, ob bei Freunden oder am Aktienmarkt, desto grösser ist das Rauschgefühl. Die Rationalität schwindet, manchmal bis hin zum Verlust der Kontrolle. Die Ursachen dafür könnten nicht unterschiedlicher sein, der resultierende Effekt hingegen ist immer derselbe: Katerstimmung.

Party-Exit: Wie früh ist zu früh?

Die einfachste Lösung wäre wohl, das Fest früher zu verlassen und so den Kater danach zu vermeiden – doch genau das ist das Dilemma aller Partygänger: Die Teilnehmer möchten unter keinen Umständen am Morgen danach erfahren, dass sie die eigentlichen Highlights verpasst haben. Übertragen wir dies auf die Aktienmärkte, so zeigen diese ein sehr interessantes und zugleich unerwartetes Muster auf.

Durchschnittliche Aktienmarkt Performance vor und nach einem Markt-Top (MSCI AWCI)


Quelle: BofaML, Markt-Tops: Dez.89, Mar00, Oct07, Apr11

Die Grafik veranschaulicht wie sich die Aktienkurse verhalten, wenn zu früh bzw. zu spät verkauft wird. Verkauft der Marktteilnehmer sechs Monate vor dem Höhepunkt, entgeht ihm im Schnitt eine Rendite von 14 Prozent. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, denn in der Regel lauern im späten Stadium eines Aktienbullenmarkts immer fette Renditen. Ziehe ich mich aber erst sechs Monate nach dem Markt-Top aus dem Markt zurück, habe ich einen durchschnittlichen Kursverlust von zehn Prozent. Rechne ich nun die drei Prozent Dividendenrendite hinzu, so kann es sich durchaus lohnen, länger investiert zu bleiben – 14 Prozent Opportunitätsverlust gegenüber sieben Prozent Verlust seit Ende des Aktienbullmarkts. Diese Party sollte man also nicht zu früh verlassen! Doch gibt es Möglichkeiten, ein Ende des Bullmarkts zu prognostizieren?

Der Ausweg der Verhaltensökonomie: Totgesagte leben länger

Die Verhaltensökonomie kann hier sehr elegant helfen. Je mehr die Kapitalmarktteilnehmer das Ende des Bullmarkts ankünden und auf die Gefahren eines spätzyklischen Verhaltens hinweisen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Aufschwung noch nicht zu Ende ist. In den Jahren 1999/2000 haben kaum Marktteilnehmer vom Abschwung geredet, es wurde sogar propagiert, dass dieses Mal alles anders sei. Auch kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise Ende 2007 bzw. Anfangs 2008 gab es kaum Investoren, die ein Ende des Bullmarkts prognostizierten.

Wie sieht die Situation heute aus? Seit fast zwölf Monaten wird kontinuierlich versucht, das Ende des neunjährigen Bullmarkts vorherzusagen. Die Verhaltensökonomie zeigt auf, dass die Redensart – totgesagte leben länger – auch für das Investment-Verhalten zutrifft. Doch wie soll sich der Investor in einem spätzyklischen Bullmarkt verhalten?

Je später der Abend, desto selektiver und vorsichtiger

Seit neun Jahren zeigt der Trend des US-Aktienmarkts nach oben und auch der Welt-Index MSCI-Welt hat ein ähnliches Kursmuster aufzuweisen. Der S&P 500 ist von 666 Punkten auf über 2600 Punkten angestiegen. Die grossen Kursgewinne liegen wohl bereits in der Vergangenheit, sprich: auf dieser Party ist es bereits spät abends. Genau in dieser Phase sollte der Anleger sehr selektiv werden und sein Risikobudget bzw. sein Rückschlagpotenzial klar im Griff haben. Der Aktieninvestor kann seinen Fokus schärfen, indem er seine Selektion auf einige Sektoren oder Länder beschränkt. So kann er von spätzyklischen Industrien wie beispielsweise dem Energiesektor profitieren. Ebenfalls sollte das Risikobudget tendenziell reduziert und Gewinne in Stärkephasen realisiert werden.

Partyplanung für kühle Rechner
Zuletzt gilt es für jeden Investor, folgende Frage für sich selbst zu beantworten: Welche Hilfsmittel gibt es, um einen möglichst rationalen Entscheid zu treffen? Ein Investor sollte erstens bereits im Vorfeld sein maximales Verlustniveau definieren, bei welchem er die Börsenparty verlässt. Zweitens sollte er sich ein Kursziel setzen, bei dem er beginnt, Gewinne zu realisieren und somit Risiken zu reduzieren. Abschliessend sollte er sich immer eines vor Augen halten: Will er den Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach? Es gibt auch an den Aktienmärkten nicht beides.

 

Es gibt 3 Kommentare zu diesem Artikel
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