Verwirrung um «Abenomics»

Verwirrung um «Abenomics» 

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Japans Wirtschaftswachstum hat Ende Jahr noch einmal ordentlich enttäuscht, wenn man den Medien glaubt. «Abenomics ohne Glanz: Japans Wirtschaft kommt nicht vom Fleck» hiess es in der NZZ. Ein Foto von Arbeitern auf einer Baustelle in Tokio trug den Untertitel: «Wachstum, aber viel zu schwach». Besonders spitz formulierte es die Anlegerseite Fondscheck.de: «Japan: Blutleer aus der Rezession».

2014 ist Nippons saison- und preisbereinigtes Bruttoinlandprodukt (BIP) zwischen Oktober und Dezember nach vorläufigen Angaben um eine hochgerechnete Jahresrate von 2.2% gewachsen. Die befragten Volkswirte hatten mit 3.7% gerechnet. So gesehen sind die Zahlen in der Tat enttäuschend ausgefallen.

Wie die realen Daten interpretiert werden sollten

Die saison- und inflationsbereinigten – sprich «realen» – Wachstumsdaten sind jedoch im Falle Japans fast völlig irrelevant. Sie stellen eine notwendige Zwischenphase des strukturellen Gesundungsprozesses dar. Das muss auch logischerweise so sein: Die Priorität der «Abenomics» genannten Reformpolitik liegt schliesslich in der Aushebelung der Deflation. Deren Erfolg oder Misserfolg muss daher anhand der «nominalen» – d.h. nicht preisbereinigten – Daten gemessen werden.

Und aus nominaler Sicht bietet sich ein ganz anderes Bild: Japans Wirtschaft hat inzwischen wieder ganz klar Fuss gefasst, nachdem das BIP im dritten Quartal als Folge einer im April 2014 in Kraft getretenen Konsumsteuer erwartungsgemäss temporär eingebrochen war. Das BIP-Wachstum erholte sich kräftig auf 4.5%, nach -3.4% im vierten Quartal – und die meisten anderen wichtigen Komponenten haben sich entweder ebenfalls erholt oder sogar ihr Expansionstempo weiter beschleunigt. Die nachfolgende Tabelle fasst es zusammen:

Nominales BIP Japan
Stabiler Binnenkonsum und starke Exporte

Die Binnennachfrage, welche die Gesamtwirtschaftsleistung übersteigt, wächst wieder um 2.4%, obwohl sich der Staat aus Konsum und Investitionen weiter zurückzieht (siehe Tabelle). Das Exportwachstum beschleunigte sich von rund 14% auf knapp 25%. Wenn das so weitergeht, könnte Japan in naher Zukunft wieder einmal halbwegs stabile Handelsüberschüsse erwirtschaften – auch wenn die stark globalisierte Struktur seiner Industrie grundsätzlich dagegen spricht.

Letzteres bringt uns zum Bruttonationaleinkommen, welches insbesondere für Aktienanleger von besonderer Bedeutung ist, weil es die Gewinne enthält, die japanische Firmen im Ausland erwirtschaften. Das Wachstum des Nettoeinkommens aus Übersee hat sich nämlich von rund 66% im dritten Quartal auf fast 140% im vierten Quartal beschleunigt.

Tourismusboom

Der internationale Tourismus, im «ausländerscheuen» Japan seit Urzeiten eine extrem unterentwickelte Branche, erlebt einen historisch wahrscheinlich einmaligen Boom – die Zunahme der sogenannten «Ausgaben ausländischer Personen im Wirtschaftsraum» stieg von 30.6% auf 53.8%. In diesem Bereich fängt Japan auf tiefem Niveau an. Die Branche macht derzeit kaum 0.4% des BIP aus. Bei den aktuellen Wachstumsraten dürfte sie aber schon in wenigen Jahren einen respektablen Beitrag zur Gesamtwirtschaftsleistung bringen.

Wie Japans Erholung angesichts solcher Zahlen als «blutleer» beurteilt werden kann, bleibt aus meiner persönlichen Sicht schleierhaft. Solche Urteile sind übrigens keinesfalls die Spezialität deutschsprachiger oder internationaler Beobachter. Auch Japans Medien zeigen sich oft skeptisch. Das mag nach 20 Jahren Deflation verständlich sein. Diverse Vorurteile und Grundhaltungen haben sich offenbar tief verwurzelt. Es könnten also noch Jahre vergehen, bis sich die allgemeinen Wahrnehmungen diesbezüglich ändern.

Anhand der Fakten ist aber klar: «Abenomics» funktioniert genauso, wie es sollte: Es belebt die Preise für Güter, Leistungen und Investitionen, erschwert die Verschiebung wirtschaftlicher Aktivitäten in die Zukunft und befreit damit das Land von seiner deflationären Stagnation.

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Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 5. März 2015 | Die Börsenblogger
  2. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 8. März | Pipsologie

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