Vom Währungs- zum Handelskrieg?

Vom Währungs- zum Handelskrieg? 

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An den Börsen wurden in diesem Jahr kaum Fortschritte gemacht. Nach einem heftigem auf und ab notiert der Weltindex MSCI World per Mitte April praktisch unverändert, der MSCI Emerging Markets hat ein mageres Plus von rund zwei Prozent geliefert. Die überschwänglichen Erwartungen nach Verabschiedung der US-Steuerreform kurz vor Weihnachten sind inzwischen (übertriebenen) Ängsten vor einem «Handelskrieg» gewichen. Die Zeit scheint reif für kalkulierte Zukäufe.

Ich persönlich rate Anlegern generell davon ab, den meist aufgebauschten Geschichten, die das Börsengeschehen mit sich bringt, zu viel Beachtung zu schenken oder sich davon zu kurzfristigen Handlungen verleiten zu lassen. Es handelt sich zu oft um vorübergehende Obsessionen. Vor einigen Jahren, als die Federal Reserve «quantitative Lockerung» betrieb und die Schwellenländer konjunkturell in der Bredouille zu stecken schienen, hiess es beispielsweise, die USA führten einen «Währungskrieg» gegen den Rest der Welt. Heute erinnert sich kein Mensch mehr daran.

Im Gegenteil, die damalige US-Geldpolitik gilt inzwischen als Erfolg und die Schwellenländer haben sich längst erholt. So könnte sich auch die aktuelle Aufregung über den (vermeintlich) drohenden «Handelskrieg» am Ende ebenfalls als übertrieben herausstellen – vielleicht sogar als bereichsweise heuchlerisch. Denn die Bedenken Washingtons gegenüber China (und darum geht es im Wesentlichen) decken sich im Kern mit jenen der Europäischen Union (EU), Japans und mehrheitlich auch mit jenen der anderen Staaten der Transpazifischen Partnerschaft (TPP).

Ein mächtigeres China bedingt neue globale Regeln

Auf Dauer absehbar ist deshalb weniger ein «Handelskrieg», sondern vielmehr ein adjustiertes Welthandelssystem, in dem China nicht mehr wie in den vergangenen Jahrzehnten mit dem praktisch bedingungslosen Wohlwollen der anderen Staaten rechnen kann. Die Integration Chinas in das Welthandelssystem war einst (zu Recht) als sinnvolle Hilfe gedacht, mit der die seinerzeit extreme wirtschaftliche Rückständigkeit Chinas überwunden werden sollte. Doch heute ist China eine moderne, leistungsfähige Grossmacht, die dementsprechend eigene geopolitische Interessen verfolgt und genau deswegen von vielen Staaten zum Teil unverhohlen als Bedrohung angesehen wird. Die Anpassung der Spielregeln an diese neue Realität ist sicherlich nicht einfach und birgt Risiken, welche durch die populistische Herangehensweise von US-Präsident Donald Trump besonders – und vielleicht bewusst – in den Mittelpunkt gestellt werden.

Freihandel geht auch ohne USA weiter

Am Ende geht es den USA aber letztlich nicht um einen «Handelskrieg», sondern um diverse Konzessionen, sowohl von ihren Alliierten (EU, NAFTA, TPP, Südkorea, etc.) als auch Rivalen (China). In Summe scheinen Konzessionen realistisch, weil die USA im Schnitt tiefere Handelsbarrieren haben und mit ihren Bedenken gegenüber China nicht allein dastehen. Dazu kommt, dass die USA letztlich inzwischen nur rund ein Fünftel der Weltwirtschaft ausmachen und die Welt sich auch ohne die USA bewegen kann, wie die jüngsten Handelsabkommen zwischen der EU und Japan oder die Fortführung der TPP auch ohne die USA zeigen. So kann es durchaus sein, dass am Ende des Weges kein «Handelskrieg», sondern eine angepasste, aber netto dennoch offenere Wirtschaftsordnung steht.

Was tun an den Börsen?

Doch zurück zu den Märkten. Werfen wir einen Blick auf das fundamentale Gesamtbild: Die Weltwirtschaft ist zum ersten Mal seit Beginn der Hausse vor fast zehn Jahren endlich in Fahrt gekommen. Die Industrieländer wachsen nach wie vor über Potenzial, was der Investitionsbereitschaft der Unternehmen gewöhnlich zugutekommt, die Arbeitslosigkeit senkt und das Lohnwachstum ankurbelt. Damit dürfte sich auch die Inflation und Zinspolitik auf Sicht «normalisieren», d.h. die angepeilten Niveaus erreichen. Mit den höheren kurzfristigen Zinsen wird aber auch Cash wieder zunehmend interessant: Anleger können jetzt wieder risikofrei etwas verdienen, wenn sie aus Aktien aussteigen und das Geld vorübergehend im USD-Geldmarkt parken.

So müssen wir nach bald einem Jahrzehnt der Hausse und nach zwei Jahren aussergewöhnlich tiefer Marktvolatilität für die kommenden Jahre mit grundsätzlich tieferen Aktienmarktrenditen und vermehrt vorkommenden Turbulenzen rechnen.

Unter dem Strich spricht diese eher ungewöhnliche Kombination aus defensiven und «bullischen» Faktoren für

  • eine breite Risikostreuung (insbesondere unter Einbeziehung alternativer Anlageklassen einschliesslich Hedge-Fonds, versicherbasierter Strategien, Privatmarktsegmenten, etc.),
  • eine Beibehaltung einer moderaten aber flexiblen Exponierung gegenüber den Börsen und
  • hohe Bargeldreserven, um Zukäufe während negativer Übertreibungen an den Märkten zu ermöglichen.

«Flexibilität» heisst, dass die Aktienquote während übertriebener Verwerfungen zusätzlich aufgebaut wer-den kann und soll. Nach meiner persönlichen Einschätzung bieten die aktuellen Niveaus (d.h. im S&P 500 bei rund 2650 Punkten) weltweit wahrscheinlich gute Kaufniveaus. Die Tatsache, dass der US-Index trotz der eskalierenden Handelskriegsrhetorik zwischen USA und China in den letzten zwei bis drei Wochen die Tiefstände vom Februar nicht unterschritten hat, verweist auf eine technische Stabilisierung.

Zur «Flexibilität» gehört aber auch, dass die aufgebauten Quoten nach relativ bescheidenen Kurzgewinnen von fünf Prozent bis zehn Prozent – je nach Index – wieder dementsprechend abgebaut werden sollten.

Weitere Informationen zu aktuellen Marktentwicklungen

Marktinformationen der LGT

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