Warum ignorieren die Finanzmärkte den protektionistischen Lärm?

Warum ignorieren die Finanzmärkte den protektionistischen Lärm? 

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Der neue US-Präsident Donald Trump gilt als ein ausgesprochen populistischer Protektionist. In seiner Antrittsrede bestätigte er die wirtschaftsnationalistischen Kernbotschaften aus seinem Wahlkampf. An seinem ersten Arbeitstag erklärte er – wie im Dezember versprochen – per Dekret den Rückzug der USA aus der geplanten Transpazifischen Partnerschaft (TPP) und kündigte die Neuverhandlung des seit zwei Jahrzehnten existierenden Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) an. Unternehmen, die ihre Produkte in den USA verkaufen wollen, sollten diese auch in den USA herstellen oder Zölle zahlen, polterte Trump gegenüber Journalisten.

Auch in Europa werden die Europäische Union, das Prinzip der offenen Märkte und die Idee der Globalisierung inzwischen von zahlreichen politischen Bewegungen in Frage gestellt. Daher sind auch transatlantische Handels- und Investitionsabkommen wie TTIP und CETA unpopulär. Viele Analysten warnen daher vor einem anbrechenden Zeitalter des Protektionismus, welches (nicht nur) die internationalen Handelsbeziehungen belasten und damit den Wohlstand aller Beteiligten am Ende unter dem Strich reduzieren könnte.

Die Finanzmärkte signalisieren allerdings eher das Gegenteil: Obwohl die anfängliche Begeisterung in den letzten Wochen etwas abgeklungen ist, notieren die Aktienkurse praktisch weltweit deutlich höher als am Wahltag, ebenso wie die Zinsen und die Rohstoffpreise. Nicht nur das: Sektoren, die in hohem Masse von einem möglichst freien Welthandel abhängig sind, zählten zu den Top-Performern.

Ein Beispiel: Der aus acht global tätigen Schifffahrtsgesellschaften bestehende Topix Maritime Transport Index hat seit dem US-Wahltag gut 30% zugelegt – und repräsentiert damit den zweitbesten Sektor Japans im genannten Zeitraum. Selbst wenn wir den Kursgewinn in US-Dollar messen, um den kurstreibenden Effekt des gleichzeitig deutlich abgeschwächten Yen zu berücksichtigen, hat der Index im genannten Zeitraum mit einem Plus von knapp 19% besser abgeschnitten, als der primär binnenwirtschaftlich orientierte S&P Small Cap-Index der USA, welcher eher vom Thema „US-Protektionismus“ besonders profitierte. Der Small Cap-Index ist seit den Wahlen „nur“ 16% gestiegen, im Vergleich zu rund 7% für den S&P 500 oder 8% für den DAX (ebenfalls in USD).

Der Höhenflug dieser vom freien Welthandel besonders abhängigen Branche hat auch in den letzten Wochen nicht nachgelassen. Einen offiziellen Marine Transport-Index gibt es nicht. Wenn wir jedoch die Kursentwicklung in USD der 48 grössten Firmen des Sektors selbst in einem Index abbilden, wird klar: Mit einem Kursgewinn von 18.5% seit dem Wahlgang gehört die Branche weltweit zu den Top-Performern in relevanten Zeitraum.

Marinetransportindex

Es sind nicht nur die Investoren, die in Bezug auf das Exportgeschäft mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Die Einkaufsmanagerumfragen zeigen seit November ein positives Bild – die Stimmung hat sich weltweit generell aufgehellt. Am deutlichsten gestiegen sind die Umfragewerte jedoch in Schweden. Die Wirtschaft des relativ kleinen skandinavischen Landes hat eine sehr hohe Exportquote (rund 45% der Wirtschaftsleistung) und gilt aufgrund des hohen Anteils an zyklischen Kapitalgütern als besonders sensibel gegenüber Schwankungen des Welthandels. Der nachfolgende Chart illustriert, wie stark sich die schwedischen Einkaufmanagerumfragen im Vergleich zum internationalen Durchschnitt in den letzten Monaten aufgehellt haben.

Einkaufsmanagerumfragen

Angesichts solcher klaren Marktsignale sollten wir uns vor voreiligen Schlussfolgerungen zur vermeintlichen Globalisierungsfeindlichkeit der Trump-Administration hüten. Es kann natürlich sein, dass sich sowohl die Investoren weltweit als auch die schwedischen Exportmanager mit ihrem Optimismus irren.

Doch auch wenn es in Anbetracht der aktuell dominierenden Negativschlagzeilen und Twitter-Gewitter schwer zu glauben ist: Manchmal denken die Finanzmärkte eben zwei Schritte voraus. So ist auch folgendes Szenario denkbar: Die politischen Prozesse, die durch die Brexit- und Trump-Voten ausgelöst wurden, könnten letztlich dazu führen, dass die Globalisierung am Ende stärker in Einklang mit den Präferenzen und dem Gerechtigkeitssinn breiter Wählerschichten gebracht wird – und damit zu einer stabileren internationalen Handelsordnung beitragen.

Bild: By User JefParker (Own work), via Wikimedia Commons

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 30. Januar 2017 | Die Börsenblogger

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