Was hat die Grösse der Weihnachtsgans mit Nachhaltigkeit zu tun?

Was hat die Grösse der Weihnachtsgans mit Nachhaltigkeit zu tun? 

In der Schweiz werden pro Jahr 2.3 Millionen Tonnen, in Deutschland 11 Millionen Tonnen und in Grossbritannien 6.7 Millionen Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr weggeworfen. Die Konsumenten geben in der Schweiz zwischen 500 und 1000 Franken, in Deutschland ca. 250 Euro pro Jahr für Nahrungsmittel aus, die sie nachher in den Müll schmeissen. Das sind pro Jahr und Person über 260 kg essbare Lebensmittel.

Weltweit wird rund ein Drittel der jährlich produzierten Lebensmittel weggeworfen, das entspricht rund 1.3 Milliarden Tonnen. In der EU hat sich das Europäische Parlament zum Ziel gesetzt, das Ausmass des Food Waste bis ins Jahr 2025 zu halbieren. Dazu können auch wir, die privaten Konsumenten und Hauptverursacher, einen entscheidenden Beitrag leisten.

Als Food Waste hat sich die Definition der FAO (Food and Agricultural Organization) durchgesetzt. Sie bezeichnet ausschliesslich Nahrungsmittel als Food Waste, die ursprünglich für die menschliche Ernährung bestimmt sind, aus irgendwelchen Gründen aber weggeworfen werden (selbst wenn sie dann noch zu einem anderen Zweck wie beispielsweise der Herstellung von Biogas verwendet werden), verloren gehen, verderben oder an Haustiere verfüttert werden.

Food Waste fällt in der gesamten Wertschöpfungskette an

Bereits bei den Produzenten werden 13% der Produkte aussortiert und entsorgt. Grund dafür sind die ästhetischen und regulativen Anforderungen an das Aussehen des Gemüses und der Früchte. So darf beispielsweise eine Kartoffel keine Arme haben.

Als Bauerntochter habe ich Mühe mit dieser Vorschrift: denn mir schmecken dreibeinige Karotten, krumme Gurken und «Mannöggel» Kartoffeln gleich gut, wie die «genormten». Die Natur hält sich nicht an Normen und wir Menschen können die Natur auch nicht in eine Form zwingen.

Der Schweizer Detaillist Coop hat dies eingesehen und im Sommer 2013 entschieden, eine eigene Linie «Ünique» für die «nach den Launen der Natur» gewachsenen Gemüse und Früchte einzuführen. Coop gibt diese «unschönen» Früchte und Gemüse zu einem reduzierten Preis ab. Ich hoffe, dass dadurch bei den Konsumenten ein Umdenken stattfindet und andere Detaillisten ebenfalls die gemäss ihrer Natur gewachsenen Gemüse ins Sortiment aufnehmen.

Im Handel und bei der Verarbeitung fallen 30% des Abfalls an. Aufgrund einer volatilen Nachfrage von Lebensmitteln entsteht in der Verarbeitung immer wieder eine Überproduktion. Diese Erzeugnisse werden dann einfach entsorgt.

In der Gastronomie fallen 5% des Food Waste an. Um dem entgegen zu wirken, darf in den Personalrestaurants der LGT in Liechtenstein ein Menu auch einmal ausgehen. Andere Gastro-Betriebe sollten diesem Beispiel folgen. Und auch wenn 5% nach wenig klingt, sind das pro Jahr in der Schweiz doch 11‘500 Tonnen Abfall, die vermieden werden könnten.

Private Haushalte machen jedoch mit 45% den grössten Teil des Food Waste aus. Es gibt viele Gründe, weshalb Eingekauftes nicht gegessen wird. Sei es, weil man die ganze Woche nicht zuhause isst. Oder man kocht zuviel, weil frei nach Mutter die Schüssel auch am Ende des Mahls nicht leer sein darf.

Lebensmittel wandern bei den Haushalten oft auch in den Müll, weil sie falsch gelagert werden. In England informiert deshalb der Detaillist Marks & Spencer die Konsumenten, wie sie frische Lebensmittel richtig lagern müssen. Oft sind abgepackte Lebensmittel deren Ablauf- oder Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, immer noch genussfähig. Ein Geruchs-Check genügt und der Konsument merkt, ob das Produkt noch geniessbar ist oder nicht.

Um die Menge an Lebensmittelabfällen zu reduzieren, wurden bereits vor 20 Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschiedene private Initiativen ins Leben gerufen. Organisationen wie «Tischlein deck Dich» in der Schweiz oder in Österreich, oder die «Schweizer Tafel» geben nicht mehr verkäufliche Lebensmittel entweder gratis oder gegen ein kleines Entgelt an Bedürftige ab.

Doch nun scheint das Problem endlich auch in der «Mainstream»-Gesellschaft angekommen zu sein. So hat vor einem Monat die Äss Bar in der Zürcher Altstadt ihre Türen geöffnet. Sie verkauft frische Backwaren, Süss-Speisen und Salate von gestern und ist dafür eine Kooperation mit verschiedenen Bäckereien eingegangen. Die Äss-Bar holt die Reste des Tages ab und verkauft diese am Folgetag in ihrem Geschäft im Niederdorf zu einem günstigeren Preis. Die Idee ist einfach und bestechend! Ich hoffe, dass sich noch weitere Bäckereien der Idee anschliessen und sich weitere Äss-Bars entwickeln.

Doch was hat nun die Grösse der Weihnachtsgans mit Food Waste zu tun?

Ganz einfach – Jeder einzelne von uns kann Food Waste entgegen wirken: Überlegen Sie sich vor dem Kauf, wie gross die Weihnachtsgans sein muss und ob es überhaupt eine sein soll. Auch passen dreibeinige Karotten und lustig geformte Kartoffeln perfekt dazu. Und für die Weihnachtskekse können übergrosse Eier verwendet werden. Achten Sie zudem während des Einkaufs darauf, wieviel Sie in den Einkaufswagen legen. Brauchen Sie wirklich alles? Muss der Wagen bis oben gefüllt sein oder reicht die Hälfte für die Festtage?

Sparen Sie Geld – kaufen Sie weniger, dafür das Richtige! Damit bleibt Geld für ein romantisches Dinner zu zweit oder ein Wellnessweekend oder …. übrig.

Lesetipp:

Food Waste: http://foodwaste.ch/

Es gibt 5 Kommentare zu diesem Artikel
  1. Gernot Bilz at 17:31

    Je krummer die Gurken umso besser: nicht-EU-genormtes Gemüse wird jetzt zum Geschäftsmodell bei http://culinarymisfits.de/ Schön ists, wenn Überregulierungen zur Kreativität verleiten.

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 17:04

      Lieber Gernot
      Besten Dank für Deinen Link. Es geht genau darum, dass wir alles Gemüse nutzen. Auch Kreativität lässt sich nicht regulieren und es freut mich zu lesen, dass „Junge Wilde“ mit krummem Gemüse ihre Geschäftsidee umsetzen.
      Ich hoffe, dass Du zum Weihnachtsbraten herrlich verformtes Gemüse gereicht bekommst!

      Herzlich Ursula

  2. Michael Bereiter at 18:28

    Ablauf- oder Haltbarkeitsdatum sind keine Wegwerfdatum, sondern eine Empfehlung des Herstellers, das Produkt in dieser Frist aufzubrauchen. Denn bis dahin garantiert er die spezifischen Eigenschaften des Produkts wie Geschmack und Geruch, Farbe, Konsistenz und Nährwert. Mit Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums ist ein Lebensmittel also nicht automatisch schlecht.

    Wie Ursula sagt: Verlasse dich auf deine Sinne: Wenn der Joghurt gut aussieht, riecht und schmeckt, ist er meistens auch noch gut.

    • Ursula Finsterwald
      Ursula Finsterwald at 17:13

      Lieber Michael
      Herzlichen Dank für Deine Zusatzinformation zu Ablauf- und Haltbarkeitsdatum. Es ist wirklich erschreckend zu wissen, dass sich viele Konsumenten lieber auf ein aufgrucktes Datum bei den Lebensmitteln verlassen, statt auf ihren Geruchs- und Geschmackssinn zu vertrauen.

      Ich hoffe, dass das Bewusstsein von Food Waste in der Bevölkerung in den nächsten Jahren zunehmen und auch hier ein Umdenken stattfinden wird. Die LGT Academy könnte in der Ernährungslehre auf dieses Problem eingehen und das Bewusstsein der Academy Teilnehmer schärfen.

      Viele Grüsse
      Ursula

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